Neues Leben in neuen Räumen

The Vitsœ team eat lunch together in Royal Leamington Spa © Dirk Lindner
Fotografiert von Dirk Lindner

Von Vicky Richardson, Stellvertretende Direktorin der London School of Architecture

Die Beliebtheit von viktorianischen Lagerhäusern und Fabrikhallen aus den 1930ern als Arbeits- und Lebensräume scheint zu belegen, dass erfolgreiche Gebäude sich anpassen und verändern können. Während der Bauphase des neuen Firmengebäudes von Vitsœ entschied sich Geschäftsführer Mark Adams bewusst dagegen, das Interieur für bestimmte Funktionen zu gestalten. Seine Intuition sagte ihm vielmehr, dass das Gebäude dem Vitsœ-Team die Freiheit geben sollte, sich selbst zu organisieren. Es sollte zufällige Begegnungen zwischen Menschen ermöglichen und so zu besseren Entscheidungen und einem befriedigenderen Arbeitsumfeld führen.

Schon wenige Monate nach dem Einzug steht fest, dass Adams zu Recht darauf bestand, den Raum offen und frei von Trennwänden zu halten. Es ist faszinierend zu sehen, wie sich bei Vitsœ eine neue Arbeitsweise entwickelt. Nicht allein durch die Gebäude­struktur oder die Durchsetzung bestimmter Verhaltens- und Kommunikations­weisen, sondern vor allem dadurch, dass die Mitarbeiter ihre eigenen Arbeitspraktiken gestalten können.

An impromptu meeting at Vitsœ in Royal Leamington Spa © Dirk Lindner
Viel Raum für zufällige Begegnungen

Die Veränderung wird vor allem in der Art der Meetings spürbar, die in den meisten Arbeitsstätten streng formal organisiert sind. Stattdessen finden Gespräche hier „zufällig“ statt und oft in der entspannteren Umgebung der Küche – einer der wenigen Räume, der für eine bestimmte Funktion konzipiert ist. Für Vitsœ war es überraschend, dass die Küche so schnell so wichtig geworden ist. Der Tag strukturiert sich um Frühstück, Kaffee und Mittagessen herum, bei denen die ganze Belegschaft zum Essen zusammen- und ins Gepräch kommt. Das Herzstück des Gebäudes ist die Küche mit Vitsœ Koch Will Leigh, ehemaliger Chefkoch der Royal Shakespeare Company.

„Der Esstisch bringt Menschen zusammen“, sagt Adams. „Beim Mittagessen habe ich verschiedenste Gespräche in Gruppen beobachtet, bei denen niemand zwischendurch zum Telefon griff. Einige drehen sich vielleicht um das Fernsehprogramm von letzter Nacht, andere um Arbeitsideen.“

Lily Worledge, Teamleiterin für die Montage von Kästen und seit fast fünf Jahren bei Vitsœ, spürt die Veränderung ganz deutlich: „Früher verging machmal ein ganzer Tag oder eine ganze Woche, ohne Leute aus dem Büro zu sehen. Jetzt gehen alle durch den gleichen Eingang und teilen sich den gleichen Raum.“

Vitsœs Mitarbeiter haben mit dem Umzug aus dem beengten Umfeld des früheren Gebäudes in Camden Town, London, einen enormen Wandel erlebt. Das neue Gebäude in seiner alltäglichen Nutzung zu sehen, zeigt das Potential, Probleme kollektiv zu lösen. Es sind soziale, nicht architektonische Strukturen, die zum organisatorischen Prinzip eines typischen Vitsœ-Tages geworden sind.

Daniel Calderbank arbeitet ebenfalls seit fünf Jahren für Vitsœ. Er überwacht Design- und Herstellungsprozesse. Für ihn bietet das neue Gebäude mehr Raum und Optionen für Flexibilität: „Das alte Gebäude bestimmte, wie wir die Dinge gemacht haben. Es gab oft nur einen einzigen Weg. Hier eröffnen sich uns verschiedene Möglichkeiten, sodass wir gemeinsam als Team die Abläufe planen können.“

Production at Vitsœ in Royal Leamington Spa © Dirk Lindner
Dank flexibler Räume entwickeln sich neue Produktionsprozesse

Lily Worledge erzählt, dass die Anordnung der Produktionsräume, in denen Kästen, Sessel und Regalsysteme montiert werden, sich ständig weiterentwickelt: „Schönerweise können wir uns ohne die Zwänge eines kleinen Raums an die Anforderungen des Herstellungsprozesses anpassen. Bevor wir eingezogen sind, habe ich einen groben Plan des Areals erstellt, der dem vorherigen Layout ähnlich war. Aber seitdem hat es sich fünf Mal verändert und es ändert sich noch immer.“

Letztlich verändert sich auch die Rolle der Menschen, wenn sie Verantwortung und Kontrolle über ihre Umgebung und ihre Arbeitsweise übernehmen. Es scheint, dass das Gebäude ein neues Selbstvertrauen erzeugt. Was früher ein Problem war, scheint jetzt überschaubar und lösbar zu sein.

Die Akustik ist wahrscheinlich die größte Herausforderung an der Arbeit in einem großen, offenen Raum. Aber auch damit setzt sich das Team auseinander und plant in den kommenden Monaten eine Reihe Experimente, um Lösungen zu finden. Eine Idee ist der Nachbau von Schallschutzhauben wie über alten Telefonzellen im öffentlichen Raum in einem größeren Maßstab.

Die offensichtlichste Verbesserung für das Vitsœs Team ist der Wechsel von einer relativ dunklen, engen städtischen Umgebung zu einem hellen, luftigen Raum. Worledge beschreibt es so: „Der alte Workshop war überfüllt, schlecht beleuchtet und hatte keine Ausblicke. Jetzt blicken wir in alle vier Himmelsrichtungen. Es fühlt sich viel besser an. Ich fühle mich gesünder, einfach nur dadurch, dass ich nach draußen schauen und die Fenster öffnen kann.“