Design by Vitsœ
Eine Rede von Dieter Rams, gehalten 1976 in New York

Foto: Abisag Tüllmann

Die Ideen hinter meiner Arbeit als Gestalter müssen zu den Zielen eines Unternehmens passen. Dieser Grundsatz gilt nicht nur für meine Arbeit bei Braun, sondern auch bei Vitsœ. Ich arbeite seit rund 20 Jahren für diese beiden Unternehmen und – ich betone es gerne – nur für diese beiden Unternehmen.

Ich bin der Überzeugung, dass Design – zumindest in meinem Verständnis – nicht von jemandem außerhalb des Unternehmens ausgeführt werden kann. Ich bin unbedingt davon überzeugt, wenn Produkte als Teil eines größeren Systems konzipiert werden, wie bei Vitsœ.

1957 begann ich mit der Entwicklung eines Regalsystems, das die Basis der 1959 gegründeten Firma Vitsœ bildete. Daher ist die Philosophie meines Designs im Unternehmen verankert.

Dieter Rams in Vitsœs erstem Shop in Frankfurt, 1971. Fotografiert von Ingeborg Kracht-Rams

Meine Damen und Herren, Design ist heutzutage ein populäres Thema. Kein Wunder, denn im zunehmenden Wettbewerb ist das Design oft die einzige Produktdifferenzierung, die für den Käufer wahrnehmbar ist.

Ich bin davon überzeugt, dass ein durchdachtes Design entscheidend für die Qualität eines Produktes ist. Ein schlecht gestaltetes Produkt ist nicht nur hässlicher als ein gut gestaltetes, es ist auch von geringerem Wert und Nutzen. Im schlimmsten Fall ist es aufdringlich.

Die Entwicklung und die Veränderungen, die wir mit unserer Arbeit bei Vitsœ initiiert haben, sind in meinen Augen positiv für die gesamte Entwicklung von gutem Design.

Gutes Design ist notwendig für den Erfolg eines Unternehmens. Allerdings mag unsere Definition von Erfolg von Ihrer abweichen. Das Streben nach gutem Design ist von sozialer Relevanz, da es unter anderem bedeutet, Verschwendung unbedingt zu vermeiden.

Was ist gutes Design? Produktdesign ist die Gesamtkonfiguration eines Produktes: Form, Farbe, Material und Konstruktion. Das Produkt muss seinen Zweck wirksam erfüllen.

Ein Designer, der gutes Design anstrebt, darf sich nicht als Künstler betrachten, der Produkte im letzten Schritt in ein nach Geschmack und Ästhetik gestaltetes Gewand hüllt.

Der Designer muss sich als ‘Gestaltingenieur’ begreifen. Als solcher synthetisiert er das fertige Produkt aus den verschiedenen Elementen, aus denen es besteht. Seine Arbeit ist weitgehend rational, das heißt, ästhetische Entscheidungen beruhen auf dem Verständnis des Produktzwecks.

Ich bin davon überzeugt, dass sich die Menschen für das interessieren, was wir bei Vitsœ machen, da unsere Produkte nützlich sind. Ich nehme an, sie schätzen auch die Ästhetik, die daraus folgt. Diese Eigenschaften sind das Ergebnis fortschrittlicher und intelligenter Problemlösung. Funktionalität steht im Mittelpunkt guten Designs.

Ein Produkt muss in sich funktional sein, aber es muss auch als Teil eines größeren Systems funktionieren: das Zuhause. Der Erfolg von Vitsœs Regalsystem 606 beruht auf seiner hohen Funktionalität und seiner Fähigkeit, sich an jede Umgebung anzupassen. Vitsœs Möbel schreien nicht. Sie funktionieren vielmehr in relativer Anonymi­tät neben Möben eines jeden Designers in Häusern aus jeder Epoche. Unser Bestreben ist es, Produkte für intelligente und verantwortungs­bewusste Nutzer – nicht für Konsumenten – herzustellen, die sich bewusst für Produkte entscheiden, welche sie wirklich nutzen können. Gutes Design muss sich anpassen können.

Man kann gutes Design nicht verstehen, wenn man Menschen nicht versteht; Design ist für Menschen gemacht. Es muss ergonomisch korrekt sein, also mit den Sinnen, Dimensionen, der Kraft und dem Verständnis eines Menschen harmonieren.

Vitsœs direkter Kontakt zu seinen Kunden hat zu einem tiefen Verständnis von Menschen geführt. Im Laufe der Jahre haben wir viel darüber gelernt, wie unsere Regale oder Sessel genutzt werden. Wir haben weltweit ausgebildete und engagierte Leute, die es verstehen, Systeme in Konfigurationen zu planen, an die unsere Kunden zu Beginn nicht unbedingt gedacht haben.

„Ein oft zitiertes Merkmal der Vitsœ-Kollektion ist ihr Gleichgewicht, ihre Harmonie, ihr innerer Zusammenhang.” Dieter Rams

Ordnung und Proportion: Nur durch Ordnung wird ein Produkt sinnvoll

Alle Objekte, die Verwendung finden sollen, müssen einer eindeutigen Ordnung folgen. Die bemerkenswerte Ordnung des Designs bei Vitsœ hat den Zweck, dem Benutzer die Funktion des Objekts zu vermitteln. Das Design eines Vitsœ-Produktes verkörpert deutlich seinen Zweck und seine Verwendung – und erleichtert sie.

Die Ordnung der Elemente – ihre Anordnung, ihre Form, ihre Größe und ihre Farbe – basiert auf einem sorgfältig geplanten System. Dieses System ist die Sprache von Vitsœs Design.

Aber diese Ordnung ist kein Selbstzweck. Ich würde auch nicht von Ideologie sprechen, vielmehr handelt es sich um eine praktische Notwendigkeit. Damit Design von jedem verstanden werden kann – und das sollte gutes Design anstreben –, muss es so einfach wie möglich sein.

Das Design von Vitsœ bringt alle Elemente in Einklang. Ein oft zitiertes Merkmal der Vitsœ-Kollektion ist ihr Gleichgewicht, ihre Harmonie, ihr innerer Zusammenhang. Alle Strukturen, Komponenten und Oberflächen wirken als ausgewogenes und harmonisches Design zusammen, das für Benutzerfreundlichkeit sorgt.

Die meisten Produkte, denen wir in unserem Alltag begegnen, schreien nach Aufmerksamkeit oder versuchen uns mit ihrer Großartigkeit oder aber ihrer winzigen Größe zu beeindrucken. Diese Objekte wollen unsere Beziehung zu ihnen diktieren. Gutes Design schafft starke, langlebige Beziehungen zu Produkten, da gutes Design Objekte mit ausgewogenen Proportionen schafft. Bei Vitsœ gehen wir noch einen Schritt weiter, indem wir versuchen, Objekte in ausgewogenem Verhältnis zum Menschen zu schaffen.

Gutes Design bedeutet für mich: so wenig Design wie möglich

Design, das beeindruckt, das Dinge aufpoliert, um sie schick erscheinen zu lassen, ist kein Design. Das ist Verpackung.

Wenn wir uns auf die wesentlichen Elemente des Designs konzentrieren, wenn wir auf alles Überflüssige verzichten, werden wir zu Formen finden, die ruhig, angenehm, verständlich und vor allem langlebig sind.

Vitsœ Produkte werden beständig weiterentwickelt. Wir beschränken unsere Produkte nicht auf die zum Zeitpunkt ihrer Entstehung verfügbaren Fertigungstechnologien. Anpassungsfähigkeit ist in die Sprache der Vitsœ-Produkte integriert – Anpassungsfähigkeit für den Benutzer zuhause und Anpassungsfähigkeit in Design und Herstellung.

Wir sind ständig auf der Suche nach neuen und besseren technischen Lösungen für unsere Produkte. Da sich Technologie und Produktionsprozesse kontinuierlich weiterentwickeln, sind Innovationen nicht nur möglich, sondern notwendig, damit ein Produkt weiterhin als Beispiel für gutes Design gelten kann.

Wir erleben, dass Menschen mehr denn je bereit sind, ihren Lebensstil zu ändern; dass sie innovative Lösungen akzeptieren – keine künstlichen – und sich mit unseren Produkten von alten, zementierten Gewohnheiten lösen. Sie erwarten innovative Lösungen, insbesondere von Vitsœ.

Dieter Rams’ Tisch 621, 1962 für Vitsœ entwickelt

Meine Damen und Herren, unsere Umwelt verändert sich rapide. Welche Auswirkungen werden diese Veränderungen auf unsere Designkonzepte haben? Kann Design, das langfristige Gültigkeit beansprucht, auf aktuelle Umstände reagieren oder muss es proaktiv für die Zukunft gedacht werden?

In einem Raum, dessen Proportionen wahrnehmbar sind, fühlen wir uns besser und denken anders. Eine vernachlässigte und ungepflegte Umgebung wirkt sich anders auf unser Leben aus als eine natürliche und geordnete. Es gibt eine Menge Arbeit in Bezug auf die Frage, wie unsere physische Umgebung unsere psychologischen Funktionen beeinflusst. Arbeit, die wir bei Vitsœ machen.

Aber Vitsœ produziert bis dato nur Möbel. Es gibt größere Fragen zu beantworten bezüglich unserer städtischen Umwelt und wie sie uns als Individuen und als Gesellschaft beeinflusst.

Welche Auswirkungen haben beispielsweise Strommasten, Wolkenkratzer, Autobahnen, Straßenbeleuchtung und Parkplätze auf unsere Psyche und unsere Beziehungen? Wir wissen, dass die Bewohner anonymer Betonblöcke aufgrund ihrer Umgebung depressiv werden können. Aber wer erforscht diese Phänomene systematisch? Wer nimmt sie wirklich ernst?

Ich glaube, unsere jetzige Situation wird zukünftige Generationen erschaudern lassen angesichts der Gedankenlosigkeit, mit der wir heute unsere Häuser, Städte und unsere Landschaft mit einem Chaos aus allerlei Schrott füllen. Was für eine fatalistische Apathie wir gegenüber den Auswirkungen dieser Tatsachen an den Tag legen. Welche Grausamkeiten wir tolerieren. Und dabei sind wir uns ihrer nur halb bewusst.

Diese Situation wird zunehmend komplexer und ist möglicherweise irreversibel: Es gibt keine isolierten Aktionen mehr. Alles hängt miteinander zusammen und ist voneinander abhängig. Wir müssen gründlicher darüber nachdenken, was wir tun, wie wir es tun und warum wir es tun.

In der Tat könnte der Zusammenbruch des gesamten Systems bevorstehen.

Ich habe von unserer unmittelbaren Umgebung gesprochen, aber lassen Sie uns einen Blick auf das weitere Umfeld werfen – auf die Welt, in der wir leben. Es gibt eine wachsende und irreversible Verknappung natürlicher Ressourcen: Rohstoffe, Energie, Nahrung und Land. Das muss uns dazu zwingen, zu rationalisieren, vor allem im Design. Die Zeiten gedankenloser Gestaltung, die nur in Zeiten gedankenloser Produktion und gedankenlosem Konsums gedeihen kann, sind vorbei. Wir können uns keine Gedankenlosigkeit mehr leisten.

Die Komplexität der Systeme und die Verknappung natürlicher Ressourcen sollten unsere individuellen und gesellschaftlichen Überzeugungen verändern. Wir lernen als Individuen und wir lernen als Gruppe. Wir beginnen gerade einmal, die Veränderungen zu verstehen, die wir jetzt erst bemerken. Wir müssen ihnen mit zunehmender Nüchternheit und hoffentlich wachsender Wachsamkeit und Rationalität begegnen.

Einer der ersten 620 Sessel, 1962 von Dieter Rams für Vitsœ gestaltet

Meine Damen und Herren, sollte es Vitsœ gelungen sein, einen Beitrag zu intelligentem, verantwortungsvollem Design und einer höheren Produktqualität zu leisten, verdanken wir dies in hohem Maße der selbstlosen Begeisterung und der konsequenten Haltung eines Mannes: Niels Vitsœ. Gleichzeitig gilt dieser Dank allen Mitarbeitern, die spüren, dass sie mehr tun, als nur ein weiteres kurzlebiges Konsumprodukt herzustellen.

Gutes Design existiert!

Dieter Rams hielt diese Rede vor 36 Jahren – sieben Jahre, bevor die Vereinten Nationen 1983 die Brundtland-Kommission ins Leben riefen, um die fortschreitende Zerstörung der Umwelt und Ressourcen zu bremsen. Rams’ Ethos einer intelligenten, vorausschauenden Gestaltung, verkörpert durch das Regalsystem 606, war zu diesem Zeitpunkt bereits in viele Wohnungen auf der ganzen Welt eingezogen.