The Strong Collection – in London

Eine Ausstellung von Tom Strongs bemerkenswerter privater Sammlung von Designgeschichte und alltäglichen Gebrauchs­gegenständen

Vitsœ London

3–5 Duke Street
London
W1U 3ED

15.-24. September 2017

Montag-Samstag 10:00-18:00 Uhr

Sonntag 11:00-16:00 Uhr

Menschen sammeln aus den unterschiedlichsten Gründen. Für Tom Strong war es die Bewunderung für die Schönheit und den alltäglichen Nutzen von Dieter Rams’ elektronischen Geräten, die eine über 50-jährige Leidenschaft genährt und eine Sammlung mit mehr als 250 Objekten hervorgebracht hat.

Sammeln liege in seinen Genen, erklärt Strong: „Schon in meiner Kindheit war ich ein verrückter Sammler; als ich sieben Jahre alt war, zeigte meine Schwester mir Briefmarken. Ich glaube, das Sammeln macht ähnlich schleichend süchtig wie Marihuana! Ich sammle Stoffe mit Millefleurs-Motiven, die wie ein Garten sind, in dem die Blumen nicht verwelken und man niemals gießen muss, Schweizer Poster und Sportbälle, die ich nach Größe sortiere.“

„Die Braun Sammlung erfüllt ein ganz anderes Bedürfnis“, sagt er. „Ich habe angefangen, diese Gegenstände zu sammeln, weil ich es genossen habe, sie zu benutzen. Und ich war fasziniert von der Entwicklung im Design, die ich an ihnen ablesen konnte. Die Produkte wurden verändert und weiterentwickelt, auschließlich um ihre Funktion zu verbessern, nicht, um ihren äußeren Stil anzupassen.“

Während seines Militärdienstes in der US-Armee kam Strong erstmals in Kontakt mit dem Werk von Dieter Rams, der von 1961 bis 1995 die Design­abteilung bei Braun leitete. Besonders im Gedächtnis geblieben ist ihm seine Begegnung mit dem T 1000 Radio, das Kurz- und Langwellensignale empfangen konnte. „Ich bin nie in Vietnam gewesen, aber ich wusste, dass die dort eingesetzten G.I.s Heimweh nach Amerika hatten und den Klang unserer Musik vermissten. Diejenigen, die einen T 1000 Weltempfänger besaßen, konnten sich ihrem Zuhause ein wenig näher fühlen. Als ich viele Jahre später in Deutschland einen entdeckte, der zum Verkauf stand, fuhr ich nach Frankfurt, um ihn zu erwerben und trug ihn den ganzen Weg zurück in die USA auf dem Schoß. Auf gar keinen Fall wollte ich riskieren, etwas so Kostbares als Gepäck aufzugeben!“

Im Anschluss an seinen einjährigen Dienst im Ausland kehrte Strong an die Ostküste Amerikas zurück, um in Yale Grafikdesign zu studieren. Während seines Studiums entwickelte er „einen Fetisch für Raster, der verstärkt wurde, als ich die Verpackungen von Braun Produkten sah. Als mir bewusst wurde, dass die Schachteln genauso verführerisch waren wie die Gegenstände darin, verstand ich, dass die Gehirnwäsche bezüglich Schriftart, Farbe und Proportion, die ich in Yale erhalten hatte, tatsächlich ihre Berechtigung hatte. Rams nahm die Aufgabe der Gestaltung als Dienst am Nutzer eindeutig sehr ernst.“

„Sein Design machte die Produkte verständlich, ja sogar selbstverständlich. Er produzierte Dinge, die leicht zu begreifen und zu benutzen waren – und die nicht kaputtgingen. Die Bedienelemente flüsterten leise ‘heb mich an’ oder ‘drück mich’, und die Farben waren allein zur Verbesserung des Verständnisses da – zum Beispiel das Rot für den Aus-Schalter.“

Strong war vor allem beeindruckt von Dieter Rams’ Respekt für den Benutzer seiner Produkte: „Ich fühlte mich als Teil einer Familie. Obwohl man weiß, wie sehr sich Rams für Ästhetik interessierte, sorgte er dafür, dass man sich von jeder Verpackung persönlich angesprochen fühlte. Es gab ein Faltblatt mit allen wesentlichen Details in verschiedenen Sprachen und einer Adresse und Telefonnummer für Ansprechpartner in der Region, sollte man jemals Ersatzteile oder eine Reparatur benötigen. Auf sein Designteam war Verlass. Dies alles trug zum Charme der Produkte bei. Sogar kaputte Gegenstände behielt ich, weil sie so viel mehr verkörperten als ihre bloße Funktion. In meinen Augen schuf Rams Produkte, die unschlagbar das Beste auf ihrem Gebiet waren.“

Die weitverbreitete Haltung der Kunstinstitutionen, die seiner Meinung nach die Bedeutung des Industrie­designs nicht erkennen, hält er für kurzsichtig und bieder: „Es gibt die Theorie, dass etwas, das nützlich ist, keine Kunst sein kann, aber dem ist nicht so. Für mich waren die von Rams entworfenen Produkte genauso wichtig wie eine Henry Moore Skulptur – mit dem Unterschied, dass Menschen sie sich leisten, sie berühren und benutzen konnten.“

„Die Bedienelemente flüsterten leise ‘heb mich an’ oder ‘drück mich’.”
Tom Strong

Im Alter von 77 Jahren begann der in Connecticut geborene Grafikdesigner, sich Sorgen über den Verbleib seiner Sammlung zu machen. Sein Wunsch war es, sie „jemanden zu geben, der sie als Lehrwerkzeug einsetzen würde. Du kannst sie nicht mitnehmen, also solltest du sie wenigstens in die verlässlichen Hände von jemandem geben, der sie sinnvoll nutzen wird, sagte ich mir.“

Der Entschluss, in eine kleinere Wohnung zu ziehen, führte Strong im Jahr 2016 zu Vitsœ. Nach 30 Jahren Bewunderung für das Sesselprogramm 620 betrat er erstmals den New Yorker Vitsœ Shop. „Hätte ich mich nicht dazu entschlossen, endlich den Rams-Sessel zu kaufen, den ich schon immer begehrt hatte, und mir den lebenslangen Wunsch zu erfüllen, einen zu besitzen, wäre der Rest nie passiert“, erzählt er. „Es war mehr ein Zufall, dass ich mit dem Vitsœ-Team über meine Braun-Sammlung ins Gespräch kam – und sie erwähnten, dass sie ein nützliches Studienobjekt für die nächste Generation von Gestaltern sein könnte, wenn sie in das Archiv des neuen Firmensitzes in Leamington Spa integriert werden würde.“

Strong hat seine Sammlung Vitsœ gestiftet. Nach einer Ausstellung bei Vitsœ New York im Mai wird sie während des London Design Festival 2017 bei Vitsœ London gezeigt. Anschließend wird sie nach Royal Leamington Spa transportiert und dort Teil der permanenten Ausstellung im Vitsœ Neubau, der in diesem Jahr eröffnet wird.

Danach befragt, wie die Anschaffung eines neuen Rams-Sessels sich mit seiner anvisierten räumlichen Verkleinerung vereinbaren lasse, lacht er: „Guter Punkt! Ich habe viele andere Sessel besessen, aber in diesem habe ich, seit er angekommen ist, fast jeden Tag gesessen und mit meinem Sohn Fernsehen geschaut.“

Sein Fazit: „Ob die Stiftung meiner Sammlung an Vitsœ nun ein glücklicher Zufall oder eine schicksalhafte Fügung war, werden wir niemals wissen. Aber ich kann mir kein besseres Zuhause für sie vorstellen.“