Der Weg nach Royal Leamington Spa: eine neue Art des Bauens

Von Vicky Richardson

Beim Eintreten spüre ich sofort, dass ich mich in einer neuen Art von Gebäude befinde – ohne irgendetwas über seinen un­kon­ventionellen Entwurfs­prozess zu wissen. Es ist nicht nur eine Frage des Maßstabs (die Halle ist 135 m lang, 25 m breit und 6 m hoch), es ist ein Gefühl, das die außer­gewöhnliche Qualität des Tages­lichts hervorruft. Die Lux-Werte liegen die meiste Zeit bei 1000, höher als Bauvorschriften es fordern, sodass auch an trüberen Tagen kein künstliches Licht nötig ist. Das Sägezahn­dach schützt vor direktem Sonnenlicht, mit Ausnahme der magischen Lichtbündel, die im Mai und Juni für sechs Wochen ins Innere fallen, da das Gebäude auf den Lauf der Sonne ausgerichtet ist.

Vitsœs wunderschöne Shedhalle widersetzt sich der Unterscheidung zwischen „Gebäude“ und „Architektur“, die Nikolaus Pevsner in „Europäische Architektur von den Anfängen bis zur Gegenwart“ (1942) postuliert: „Ein Fahrradschuppen ist ein Gebäude, die Kathedrale von Lincoln ist ein Stück Architektur. Der Begriff Architektur kommt nur Bauwerken zu, die als ästhetische Erscheinung konzipiert sind.“ Meiner Meinung haben wir es hier mit einem ruhmreichen Stück Architektur zu tun, obwohl es weder von einem Architekten entworfen, noch in erster Linie auf ästhetische Anziehungskraft ausgerichtet ist.

Die Entwicklung einer eigenen Produktionsstätte und Firmenzentrale ermöglichte es Vitsœ, die Gestaltungs­prinzipien hinter dem Regal­system 606 auf die Dimension und Komplexität eines Gebäudes zu erweitern. Geschäfts­führer Mark Adams beschreibt Vitsœ als Dienstleistungs­unternehmen, das ein Produkt herstellt. Menschen – Mitarbeiter und Kunden – stehen im Mittelpunkt des Unternehmens. Dieses humanistische Prinzip diente als Kompass für die Gestaltung des neuen Firmengebäudes, dessen Wirkung auf seine Nutzer das Design definierte. Dabei hat Vitsœ nicht nur die Normen der Bauindustrie hinterfragt, sondern sich ebenso von den statischen Berufsbildern der Branche befreit, die Ideen oft behindern statt sie zu befördern.

Noch bevor er ein Team an Bauspezialisten zusammenstellte, hatte Adams eine starke Vision davon entwickelt, wie sich Vitsœs Gebäude anfühlen und wie es gebaut werden sollte. Er hatte das Dia:Beacon-Museum im Norden des Bundesstaats New York besucht (ein ehemaliges Fabrikgebäude der National Biscuit Company am Hudson River), wo sich für ihn die Qualität des Lichts und die fein ausgearbeiteten Details als wesentliche Attribute für Vitsœs Neubau bestätigten. Er hatte außerdem erfahren, wie einfache Baukasten-Gebäude in kleinem Maßstab funktionierten, nachdem er eine Armeehütte in seinem Garten in ein Studio für seine Frau umgebaut hatte, die Künstlerin ist.

Weder das Dia:Beacon-Gebäude noch die Armeehütte sind in Hinblick auf ihren ästhetischen Reiz entworfen worden, was sie laut Pevsner als „Architektur“ disqualifiziert. Aber ihre Schlichtheit, die feinen Details, die Qualität des Lichts und ihr in die Höhe gestrecktes Volumen gaben Adams die Idee für ein offenes, universelles Gebäude, in dem sämtliche der vielfältigen Aktivitäten von Vitsœ unter einem Dach vereint würden.

Ein Messebesuch in Deutschland inspirierte ihn zur Verwendung von BauBuche und weckte seine Begeisterung für hochbelastbare mechanische Aluminium-Holz-Verbindungen und die strukturellen Eigenschaften von Furnierschichtholz (LVL), das bis dato in Großbritannien noch nie in der Größenordnung von Vitsœs Firmenzentrale verbaut wurde.

Eine weitere wichtige Inspirationsquelle war der Münchner Olympiapark aus dem Jahr 1972. Obwohl der Park vor allem für die experimentelle Architektur von Frei Otto und Günter Behnisch bekannt ist, gehört die Integration der Gebäude in eine von Günther Grzimek entworfenen Hügellandschaft zu seinen erfolgreichsten Aspekten. Die in Gras integrierten Pflastersteine übernahm Adams direkt für die Landschaftsarchitektur des Vitsœ-Grundstücks in Royal Leamington Spa.

Während sich die Ideen für Struktur, Licht, ökologische Leistungsbilanz und Außen­flächen­gestaltung verfestigten, begann Vitsœ, ein Team zusammenzustellen, das ein solches universelles Gebäude verwirklichen könnte. Umweltingenieur Mark Skelly, Gründer von Skelly and Couch, kam als erster an Bord, dicht gefolgt von Landschafts­architekt Kim Wilkie.

Skelly beschreibt seinen Enthusiasmus für die Idee, ein Gebäude nach dem Muster von Vitsœs Möbeln zu gestalten: „Natürlich ist ein Gebäude weitaus komplizierter, aber dank unserer Entschlossenheit und eines iterativen Prozesses haben wir ein klares, einfaches, elegantes Design entwickelt, das Vitsœs Produkte spiegelt.“ Skelly betont, dass die Arbeit eines Gebäudeingenieurs, weit davon entfernt von der bloßen Organisation der Rohre und Drähte, auf die Gesundheit und das Wohlbefinden der Nutzer zielt. „Tageslicht, Akustik, Belüftung waren entscheidende Leitprinzipien für das Design.“

Als nächstes kam Martin Francis ins Team – auf Empfehlung eines Vitsœ-Kunden –, ein Marinearchitekt und Super-Yacht-Designer, der 20 Jahre lang bei Foster + Partners gearbeitet hatte, bevor er mit Peter Rice das innovative Ingenieurunternehmen RFR gründete. Francis teilt Adams’ Leidenschaft für viktorianische Baumeister, insbesondere Joseph Paxton (Erfinder, Architekt und Gärtner im Chatsworth House). Paxtons 1851 erbauter Kristallpalast mit seiner modularen und zerlegbaren gusseisernen Struktur, die dank der Entdeckung von Gussplatten keine Innenbeleuchtung benötigte, wurde zu einer weiteren Referenz für das Vitsœ-Gebäude.

Francis wiederum brachte mit Ingenieur James O’Callaghan von Eckersley O’Callaghan einen renommierten Experten für Glasstrukturen ins Spiel, und mit Waugh Thistleton als ausführender Architekt und Berater für den Einsatz der BauBuche war das Team schließlich komplett. Das ungewöhnlich organische Einstellungs­verfahren hatte ein Team zusammen­gebracht, das sich durch sein Engagement für verantwortungs­bewusstes Design auszeichnete. Alle waren bereit, sich auf eine neue Arbeits­weise einzulassen und die hoch­regulierten Prozesse konventioneller Bauprojekte aufzugeben. „Das Faszinierende an der Arbeit mit Vitsœ ist, dass Mark uns dazu gebracht hat, über unsere Branchen nachzudenken und zu hinterfragen, warum wir uns im Allgemeinen mit so schlechter Qualität zurfrieden geben“, kommentiert Waugh.

Francis, der schon größere Super-Yachten als das Vitsœ-Gebäude entworfen hat, freute sich an der Herausforderung, einen Raum zu schaffen, der sich den wechselnden Anforderungen des Unternehmens anpasst. Flexibilität war ein zentrales Kriterium, da Vitsœ sich in seinem früheren Zuhause achtfach vergrößert hat und sich nun ein Gebäude wünschte, das zukünftiges Wachstum unterstützen und nicht verhindern würde. „In Zukunft könnte man die Zwischengeschosse neu konfigurieren, um mehr geschlossene Räume zu kreieren, oder Teile der Seitenschiffe abtrennen,“ beschreibt Francis die Möglichkeiten, die das entworfene Raster dahingehend bietet.

Die Gestaltung des Dachs bestimmt den Charakter des Gebäudes und die Qualität des Lichts. Dachfenster wurden gestreckt, um den Lichteinfall zu maximieren, und nach vielen Diskussionen mit O’Callaghan wurde ein einfacher I-Stahlträger anstelle der Holzträger verwendet, die das Dach ursprünglich stützen sollten. Über die gesamte Länge des Raums erzeugen die 18 Buchten des Gitters und das daraus resultierende Muster der Träger einen angenehmen visuellen Rhythmus. Bei der Begehung des Gebäudes am Ende des Bauprozesses war das Designteam voller Lob für die einzelnen Gewerke und die Qualität der Materialien: Rauchmelder und Verkabelung wurden mit präziser Sorgfalt installiert, Holzfaser-Wanddämmung als Wandteiler eingesetzt, ein polierter Betonboden bezeugt die Kunst der Handwerker.

Francis vergleicht das Gebäude mit Kirchenarchitektur: Der zentrale Raum bildet das Schiff, während Holzsäulen zwei äußere Gänge abtrennen, die wiederum in Pavillons unterteilt werden können, um unter­schiedliche Funktionen aufzunehmen. Ein Panorama­fenster am nördlichen Ende rahmt ein Stillleben des Waldes, das nur durch den gelegentlich vorbei­fahrenden Zug unterbrochen wird. Der spektakulären Dimension des Raums entspricht die präzise Ausarbeitung kleinster Details. Das Team testete anhand eines 1:1-Modells die Ausgestaltung des Fußes einer Säule, der auf einen Service-Kanal im Boden trifft. Vitsœ entwarf außerdem Sperrholz­deckel mit Griffen, die auf die Kästen des Regalsystems 606 abgestimmt sind. Bezeichnender­weise ist dieses winzige Detail, das der Schlüssel zu Einfachheit und Flexibilität ist, eines der Merkmale, auf das Vitsœ am meisten stolz ist.

Aber die Geschichte endet nicht hier. Seit Anfang Juni produziert und exportiert Vitsœ aus dem neuen Firmensitz. Vor der offiziellen Eröffnung später in diesem Jahr werden verschiedene Arbeitsbereiche ergänzt, die im ganzen Gebäude eingerichtet werden, die Präsentation des 60-jährigen Archivs von Vitsœ in einer Ausstellung vorbereitet, eine professionelle Küche mit einer Kantine für die gesamte Belegschaft installiert sowie Besucher­apartments in den Zwischen­geschossen. Wie Vitsœ diesen universellen Raum bewohnen und beleben wird, wird ebenso spannend zu beobachten sein wie seine Konstruktion.