Der Weg nach Royal Leamington Spa: der Einzug

Fotografiert von Dirk Lindner

Von Mark Adams,
Geschäftsführer, anlässlich der Eröffnung des neuen Firmengebäudes von Vitsœ

[Eine Glocke läutet]

Diese Schulglocke läutet in unserem neuen Zuhause in Royal Leamington Spa um 10:30 Uhr für unsere Kaffeepause und um 12:45 Uhr zum – gemeinsamen – Mittagessen.

Das englische Wort „company“ hat einen lateinischen Ursprung: „cum pane“, wörtlich „mit Brot“ – der Akt des Zusammenkommens, um Brot zu brechen. Vitsœs allererster Küchenchef backt hier in unserer offenen Küche Brot mit Mehl aus der Mühle von Charlecote, einer der letzten wasserbetriebenen Mühlen des Landes, ganz in der Nähe.

Vitsœs neues Gebäude wurde geschaffen, um vielen Menschen zu ermöglichen, jahrzehntelang gemeinsam Brot zu brechen.

Aber fangen wir am Anfang an: Warum ist Vitsœ nach Royal Leamington Spa gekommen?

Als wir nach einer Alternative zu London suchten – zu den hohen Kosten und dem dichten Verkehr –, suchten wir in erster Linie nach einer Gemeinde. Ein Zuhause für Vitsœ hätten wir überall bauen können, aber eine Gemeinde lässt sich nicht aus dem Nichts erschaffen. Also fragten wir bei unserem ersten Besuch in Leamington nach den Menschen, nicht nach den Sehenswürdigkeiten.

Unsere Erfahrung lässt sich am besten in den Worten einer Dame zusammenfassen, die ich vor ein paar Wochen beim Gärtnern in der Archery Road ansprach: „Als ich vor 35 Jahren hierher kam, kannte ich eine Person. Das reichte, um mich mit der gesamten Gemeinde bekannt zu machen.“ Menschen, die wir an diesem ersten Tag getroffen haben, begleiten uns bis heute.

Eine Gemeinde haben wir also gefunden, aber wo sind wir hier?

Wir sind nur eine halbe Meile von Midland Oak entfernt, dem angeblichen Zentrum von England, einer bevorzugten Gegend von Vertriebsunternehmen. Wir befinden uns inmitten der Lieferkette von Vitsœ und in der Nähe von Güterbahnhöfen, sodass unsere 40-Fuß-Container mit der Bahn zu den Häfen transportiert werden können.

Wir sind an einem Ort mit reicher Ingenieursgeschichte: Malcolm Sayer, der Designer des Jaguar E-Type, wohnte in der Nähe; Frank Whittle, der Erfinder des Düsentriebwerks, wurde in Leamington ausgebildet. Aston Martin, Bentley, Rolls Royce und Jaguar Land Rover gehören hier zum täglichen Sprachgebrauch. Das ist die physische Welt.

Aber auch die digitale Welt ist hier zuhause: Das Herz der britischen Gaming-Branche schlägt hier. Vitsœ versteht sich ebenso als digitales wie als physisches Unternehmen. Wir befinden uns hier außerdem in einer Gegend, die von kreativer Kunstfertigkeit zeugt.

Aufgrund seiner Geschichte als Kurort ist man in Royal Leamington Spa umgeben von georgianischer und Regency-Architektur sowie wunderschönen Parks. Wir sind nur einen Katzensprung vom Bahnhof entfernt, von wo aus Züge nach London fahren – zum Beispiel, um dort unseren Shop in Marylebone zu besuchen. Wir sind auf der nationalen Fahrradroute. Die Busse, die unsere zukünftigen Mitarbeiter zur Schule bringen, halten vor unserer Tür. Die Universitäten von Coventry und Warwick – mit unserem neuen Kooperationspartner, der Warwick Manufacturing Group – liegen nur wenige Meilen entfernt.

Von unserem nördlichen Fenster aus kann man die Warwickshire College Group sehen, während sich Richtung Westen die Myton Road mit ihren vorzüglichen privaten und staatlichen Schulen erstreckt.

Bike storage and wardrobe at Vitsœ in Royal Leamington Spa. ©Dirk Lindner

Wir orientieren uns an Ebenezer Howards Modell der Gartenstadt: den Gegensatz von Stadt und Land auflösen, die Nähe von Arbeit und Zuhause fördern. Während andere danach streben, immer mehr Autos herzustellen, haben wir einen Standort gewählt, der uns erlaubt, auf Autos zu verzichten.

Wenn wir uns eine Welt vor dem Kohlezeitalter vorstellen – bevor wir in die Kreisläufe der Natur eingegriffen und Ressourcen verbraucht haben, die sich über Milliarden von Jahren angesammelt hatten –, könnten wir zum Beispiel an eine Scheune aus dem 13. Jahrhundert denken: aus hölzernen Gurtbogen gefertigt, mit verstrebten Gängen beidseits eines offenen Mittelschiffs und großen Türen für Querlüftung beim Dreschen der Ernte, um Spreu und Weizen zu trennen.

Oder wir könnten an unsere Lieblingskathedrale denken, mit hoch aufragendem Kirchenschiff, Oberlichtern und stützenden Säulen. Oder an den genialen Joseph Paxton, der 1850 im Hyde Park ein Gebäude für die Weltausstellung entwarf, das Königin Victoria und Prinz Albert – ein deutsch-englisches Paar – nur neun Monate später eröffneten: der Crystal Palace war sechsmal so groß wie die St. Paul’s Cathedral. Basierend auf einer Struktur von Quadraten mit 24 Fuß Seitenlänge konnten all seine Komponenten von Männern und Pferden gehandhabt werden. Trotz seiner enormen Größe wirkte das Gebäude zugleich menschlich und erhebend.

Oder wir könnten an Fabriken denken, die vor dem Zeitalter der Elektrizität entworfen wurden: Ihre nach Norden ausgerichteten Oberlichter spendeten so viel Tageslicht wie möglich. Und schließlich an Sir Alex Gordon, Präsident des Royal Institute of British Architects, der 1972 kurz und prägnant die besten Gebäude definierte als: langlebig, anpassungsfähig, energiesparsam.

Damit kennen Sie nun einige der vielen Vorbilder, die Vitsœs neues Gebäude geprägt haben.

Nur wenige wissen, dass Dieter Rams Anfang der 1950er Jahre als Architekt ausgebildet wurde. Später, als Professor an der Hochschule für bildende Künste Hamburg, verband er die Disziplinen der Architektur und Innenarchitektur mit Industriedesign. Ich habe von Dieter Rams gelernt, dass Design ein Denkprozess ist. Ich würde behaupten, dass Vitsœs neues Gebäude kein Stück Architektur ist; es ist eine Denkweise. Entworfen von vielen Denkern.

Zu Beginn waren das akademisch ausgebildete Köpfe vom Zentrum für industrielle Nachhaltigkeit in Cambridge, dem Imperial College und der Cranfield University. Sie rieten uns, das Projekt nicht für ein Zertifizierungsschema für Nachhaltigkeit zu registrieren, um frei von allen Zwängen die besten Lösungen für das Gebäude realisieren zu können. Beraten von Umwelt- und Gebäudeingenieuren, stellten wir das Wohlbefinden der Nutzer in den Vordergrund – so sehr, dass mich eine Dame im Juni an einem Tag mit 32 Grad Außentemperatur fragte: „Wo ist Ihre Klimaanlage?“

Als nächstes kam Martin Francis hinzu, ein Möbeldesigner, der sein Studium in den frühen 1960er Jahren abschloss, um dann Norman Foster in seiner Garage beim Entwurf des Willis Faber Gebäudes in Ipswich zu assistieren, das ich schon als Kind bewunderte. Daraufhin gründete Martin ein Ingenieurbüro in Paris, das unter anderem die Louvre-Pyramide entwarf. Seither hat er einige der elegantesten Yachten gestaltet, die auf den Weltmeeren zu finden sind, bevor er – vermittelt durch einen Vitsœ-Kunden – in den letzten zweieinhalb Jahren der Fels dieses Projekts wurde. Verbunden hat uns schon beim ersten Treffen unsere geteilte Begeisterung für Paxton.

Unter unseren Füßen befindet sich eine Brachfläche, die bis in vier Meter Tiefe stabilisiert worden ist. Wir stehen auf einem versiegelten und polierten Verbund aus Sand, Stein, Lehm und Wasser – Material, das in der Erde verwurzelt ist. Langlebiger, edler Beton.

Wir schauen auf ein von Nord nach Süd ausgerichtetes Gitter mit 7,5 Meter Abstand zwischen den Stützen – fast genau Paxtons 24 Fuß. Wir sind umgeben von natürlichen, atmungsaktiven Materialien: ein Rahmen aus Buchen-Furnierschichtholz, Holzwände aus Birken-Querlaminat, Holzfaser-Wanddämmung. Mit anderen Worten: eine Reihe qualitativ hochwertiger Komponenten. Wir haben uns bei diesem Projekt beständig gefragt: „Was können wir weglassen?“ Wir haben viel in die Struktur investiert und so gut wie nichts in das Finish.

Als am 28. November letzten Jahres die erste der Buchten errichtet war, war damit am ersten Tag die Innenausstattung fertig. Seitdem ist nichts weiter geschehen. Die Struktur ist das Finish. Das Mantra für dieses Gebäude – „keine Pinsel“ – hat sich bewahrheitet.

Die Fenster über unseren Köpfen sorgen für Luftzufuhr. Und sie lassen natürliches Licht von Norden ein, während die Photovoltaikplatten im Süden die Sonne einfangen. Dort oben befinden sich auch die Rohre und Drähte, die von Nord nach Süd verlaufen und durch die Stützpfeiler hindurch in Bodenkanäle gelangen, wo sie sich von Ost nach West weiter verteilen.

Draußen sehen Sie unserer Wölbacker-Beete, die wir in den kommenden Jahren zum Blühen bringen: Gerade sind wilde Blumen gesät worden.

Im letzten Winter hat es nur 23 Tage gedauert, unser Firmengebäude zu errichten. Die Gesamtbaukosten für den Quadratfuß, auf dem wir stehen, der 4 Meter in die Tiefe und 9 Meter nach oben reicht, beliefen sich auf £ 145. Das ergibt £ 5,7 Mio. für die fast 40.000 Quadratfuß Gesamtfläche. Eine sicherlich vertretbare Zahl.

Baufachleute und Gurus für industrielle Nachhaltigkeit werden sich hier mit kritischen Augen umsehen und die Probleme erkennen. Aber laut Dieter Rams’ eigenem Bekenntnis war auch ein gewisses Regalsystem in den frühen 1960er Jahren noch etwas unreif. Bis heute arbeiten wir an diesem modularen Bausatz und verbessern ihn beständig.

Auch wir stehen mitten in einem Bausatz: Stapelweise liegen große BauBuche-Balken bereit, mit denen wir ihn weiter anpassen werden. Dank der Aluminium-Verbindungen können wir die Balken an den Säulen beliebig einsetzen und versetzen. So wie wir es vor zwei Wochen getan haben – zum ersten Mal. Wir waren nervös, aber wir haben es gelernt und geschafft. Dies ist ein Gebäude, das kontinuierlich lernen und sich anpassen wird.

Im Inneren geht es in diesem Gebäude um Offenheit, Sichtbarkeit und glückliche Zufälle: sich öfter über den Weg laufen, weniger Zeit in Sitzungen verbringen. Wir kennen die Berichte über Bewegungs­mangel und die Notwendigkeit, täglich unsere 10.000 Schritte zu tun. Angeblich brauchen wir technologische Hilfsmittel, die uns daran erinnern und uns dazu ermutigen. Aber wenn wir zu Vitsœ laufen, radeln, mit dem Zug oder Bus fahren und unsere Tage hier verbringen, löst sich das Problem ganz nebenbei. Ohne Technologie.

Wir wissen auch um die zunehmenden Probleme mit unserem Immunsystem, die auf das Arbeiten in künstlichem Licht bei künstlichen 22 Grad zurückzuführen sind. In Vitsœs Gebäude wird es für uns im Sommer wärmer, im Winter kühler – und immer sind wir dem Tageslicht ausgesetzt, weil hier bei Tag kein elektrisches Licht genutzt wird. Unsere Gesundheit wird es uns danken.

Äußerlich öffnet sich unser Gebäude der Gemeinde. Es hat Fenster, durch die wir ins Grüne sehen und durch die zugleich unsere zukünftigen Angestellten hineinblicken – und in Versuchung gebracht werden können. Dieses Gebäude ist als Teil der Gemeinde entworfen worden, die Vitsœ so herzlich aufgenommen hat.

Vor allem anderen wird dieses Gebäude Bestand haben, weil es geliebt wird.

Wir werden oft nach dem Geschäftsmodell von Vitsœ gefragt, etwa in diesem Wortlaut:

– Sie produzieren langlebige Möbel.
– Sie ermutigen Ihre Kunden, weniger davon zu kaufen.
– Sie ermutigen sie außerdem, sie mitzunehmen, wenn sie umziehen.
– Sie ermutigen sie, sie zu reparieren.
– Sie ermutigen sie sogar dazu, sie an die nächste Generation weiterzugeben (wir hören immer öfter, dass Vitsœ in Testamenten unserer Kunden Erwähnung findet).
– Und zu alledem tun Sie das Gegenteil von dem, was alle anderen tun: Sie bringen nicht so oft wie möglich neue Produkte auf den Markt oder bieten neue Farben an, damit Ihre Kunden mehr kaufen.

Wie um alles in der Welt funktioniert das?

Wir kennen das Argument der drei Planeten: Unendliches Wachstum ist auf einem endlichen Planeten nicht möglich – besonders, wenn dieses Wachstum eine Wegwerfkultur bedingt. Wenn die Ausmaße der jüngsten Hurrikane oder die Zerstörung unserer Korallenriffe – beide auf die Erwärmung der Ozeane zurückzuführen – nicht ausreichen, um uns das bewusst zu machen, haben wir unseren Planeten verwüstet. Der weitsichtige Ernst Friedrich Schumacher hat es schon 1973 in seinem Buch „Small is Beautiful“ formuliert: Gier und Neid sind die Wurzel des Problems.

Aber wie erklärt das, warum Vitsœ dieses Gebäude gebaut hat? Ein Gebäude, das größer ist als die aktuellen Bedürfnisse des Unternehmens …

Weil, wie Nancy Bocken und Sam Short von der Universität Cambridge in einer 2015 veröffentlichten Studie schreiben, Vitsœ ein seltenes Beispiel ist für ein „Suffizienz-basiertes Geschäftsmodell: Unternehmen, die den gesamten Ressourcenverbrauch durch Eindämmung der Nachfrage mittels Bildung und Verbraucher-Engagement zu reduzieren suchen.“

Wir wollen tatsächlich, dass unsere Kunden nur das kaufen, was sie brauchen. Wir wollen, dass mehr Menschen weniger Dinge von besserer Qualität kaufen, die länger halten – Menschen, die verstehen, dass sie nicht reich genug sind, um billig zu kaufen.

Unser geschundener Planet ist darauf angewiesen, dass sich viele mehr von uns nach dieser Devise verhalten. Wir wissen, dass unsere bestehenden Kunden unsere wertvollsten Botschafter und die Türöffner für neue Kunden sind.

Dieses Gebäude steht für einen unbedingten Vorsatz: Wenn immer mehr Menschen auf der ganzen Welt weniger von uns kaufen, dann ist dieses Gebäude und alles, wofür es steht, gerechtfertigt.