Das Zuhause des guten Designs
Dieter Rams’ Wohn- und Atelierhaus aus dem Jahr 1971 ist unter Denkmalschutz gestellt worden.

Fotografien von Ingeborg Kracht-Rams

Der schlichte L-förmige Bungalow, in dem Dieter Rams und Ingeborg Kracht-Rams seit 1971 lebten, ist vom Landesamt für Denkmalpflege in Hessen als Einzelkulturdenkmal eingetragen worden. Zukünftigen Generationen wird das Wohn- und Atelierhaus als bleibende Manifestation von Rams’ Gestaltungsphilosophie erhalten bleiben.

Der einzigartige „Doppelbungalow“ ist Teil der Siedlung Roter Hang, die ursprünglich als Werkswohnungen für Braun-Mitarbeiter in der Nähe des Firmensitzes in Kronberg konzipiert wurde. Rams erwarb ein kleines Stück Land innerhalb des Geländes und verwirklichte gemeinsam mit Architekt Rudolf Kramer aus dem nahegelegenen Königstein sein einziges vollumfänglich realisiertes Bauprojekt.

Dieter Rams hat sein Zuhause ausführlich beschrieben, um die Fotografien seiner Frau Ingeborg zu ergänzen. Folgen Sie den beiden in ihr Zuhause:

„Mein Haus in Kronberg, am Rande der Wälder des Taunus, ist Teil einer verdichteten Bebauung, auf deren architektonisches Gesamtkonzept ich Einfluss genommen habe. Es ist nach meinen Vorstellungen gestaltet und eingerichtet. Ich lebe hier mit meiner Frau, einer Fotografin, seit 1971. Natürlich wohnen wir mit Vitsœ Möbelsystemen. Zum einen einfach deshalb, weil ich immer nur die Möbel entworfen habe, die ich auch selber haben wollte. Zum anderen, um sie im täglichen Gebrauch kennenzulernen und Ansatzpunkte für Weiterentwicklung und Verbesserung zu erkennen. Wo das Vitsoe Programm nicht vollständig ist, habe ich Möbel anderer Hersteller ausgewählt, die aus einer verwandten Haltung heraus gestaltet sind. Beispiele sind die Thonet Stühle am Esstisch. Oder die Fritz-Hansen-Hocker, die an der Frühstücksbar zwischen der Küche und dem Zugang zum Wohnbereich stehen.

Den Mittelpunkt des Wohnbereiches bildet eine lockere Gruppe von 620 Sesseln-sozusagen meine Version einer Sitzlandschaft. Es ist ein lebendiger, belebter Bereich mit Blick auf den Garten. Hier unterhalten wir uns, sitzen mit Freunden zusammen, lesen, sehen fern. Pflanzen, Bücher, Bilder bestimmen die Atmosphäre. Die Gestaltung der Räume entspricht in hohem Maße der Grundintention meines Design: Einfachheit, Wesentlichkeit, Offenheit. Die Dinge spielen sich nicht auf, setzen sich nicht in Szene, schränken nicht ein, sondern treten zurück. Ihre Reduziertheit, ihre Unaufdringlichkeit geben Raum. Die Ordnung ist nicht eingrenzend, sondern befreiend.

In einer Welt, die sich bestürzend schnell füllt, die zerstörerisch vielgestaltig laut und verwirrend ist, hat Design für mich die Aufgabe, leise zu sein, zu einer Ruhe beizutragen die Menschen zu sich selbst kommen lässt. Die Gegenposition ist ein Design der scharfen Reize, das die Aufmerksamkeit an sich reißen und starke Emotionen wecken will. Es ist für mich inhuman in dem Sinne, dass es auf seine Art zu dem Chaos beiträgt, das uns verwirrt, betäubt und lähmt.

In den Räumen meines Hauses kann ich meine Wahrnehmung, meine Sensibilität eichen. Ich arbeite oft zu Hause - in einem Raum, der sich wie der Wohnraum zum Garten hin öffnet. Arbeiten bedeutet dabei weniger entwerfen im üblichen Sinne als vielmehr nachdenken, lesen, sprechen. Design ist immer zuallererst Denkarbeit.

In der traditionellen japanischen Architektur werden Räume aus einer Haltung heraus gestaltet, die meiner verwandt ist. Die Ästhetik des leeren Raumes mit der klaren, präzisen Gliederung von Boden, Wänden, Decke, mit der Sorgfalt der Gestaltung von Materialien und Strukturen ist um vieles differenzierter als die europäische Ästhetik der Fülle, des Dekors, der lauten Formen.

Auch bei der Gestaltung meines relativ kleinen Gartens habe ich mich von japanischen Gärten anregen lassen. Er ist keine Kopie eines bestimmten japanischen Gartens, sondern eher eine Hommage an den Geist des japanischen Gartens, eine Übertragung in unsere Zeit, unsere Landschaft, unser Klima. Die Arbeit im Garten ist für mich ausgesprochen anregend - Designarbeit, die vergleichbar ist mit der Gestaltung eines Raumes, eines Möbelsystems, oder eines Gerätes.

Es mag überraschend sein, dass ich mich als Designer des 20. Jahrhunderts, als Designer von technischen Produkten auch auf Gestaltungskulturen wie die traditionelle japanische Architektur beziehe, ihre Leistungen voller Respekt und Anerkennung sehe. Tatsächlich wäre es aber viel erstaunlicher, wenn in der langen Geschichte der Gestaltung nichts entstanden wäre, das meine Bewunderung findet, von dem ich mich anregen ließe, das mich in meiner Haltung bestärkte. Die Geschichtslosigkeit vieler Designer ist in meinen Augen eine Schwäche.

Ähnlich wie von der alten japanischen Gestaltungskultur fühle ich mich angezogen von der Architektur der Romanik. Das Kloster Eberbach im Rheingau, eine Perle der romanischen Baukunst, liegt nicht weit von meiner Geburtsstadt Wiesbaden entfernt. Ich habe es schon als junger Mensch oft besucht. Eines der großartigsten Bauwerke ist für mich das Castel del Monte des Stauferkaisers Friedrich II. Auch das Design der Shaker, das ich vor Jahren kennenlernte, beeindruckt mich in seiner Grundhaltung der Einfachheit, der geduldigen Vervollkommnung und des respektvollen Beibehaltens von guten Lösungen.“

_ Alle Zitate stammen aus dem Buch „Weniger, aber besser“ herausgegeben von Die Gestalten Verlag. © Jo Klatt Design+Design Verlag