Ein intelligenter Arbeitsraum
Das Design-Duo Pearson Lloyd über die Umgestaltung einer ehemaligen viktorianischen Werkstatt in ein neues Studio

Yorkton Workshops, mitten in Londons altem Tischlerviertel.Foto: Taran Wilkhu
Die Yorkton Workshops, mitten in Londons altem Tischlerviertel. Foto von Taran Wilkhu.

Von Jane Audas,
Autorin, Kuratorin und Digitalproduzentin

Die Designpartnerschaft von Pearson Lloyd ist beständig; ihr Œuvre ist beeindruckend. Tom Lloyd und Luke Pearson gestalten seit 24 Jahren gemeinsam und ergänzen sich wie Yin und Yang. Tom ist die entspanntere Hälfte, Luke drängt es nach vorne und das ist eine nützliche Kombination, die ihnen gut gedient hat. Ihr Büro ist vor kurzem in ein neues Studio in Shoreditch umgezogen, Yorkton Workshops, mitten in Londons altem Tischlerviertel, was sehr passend erscheint. Das Gebäude hat selbst Geschichte als Produktionsort. Einst eine Stallung, wurde es später eine viktorianische Werkstatt, in der Möbel- und Musikinstrumentenbauer, Holzdrechsler und verschiedene andere Handwerker arbeiteten. Zweifellos waren die Straßen damals mit Sägemehl bedeckt. Tom und Luke hatten sich die Gegend eine Weile lang angeschaut, sich aber schnell für dieses Gebäude entschieden, dessen Potential sie sofort erkannten.

Gemeinsam mit Cassion Castle Architects haben sie die Yorkton Workshops komplett restauriert und umgestaltet. Zuerst wollten sie ganz neu bauen, aber mit ihrem Sinn für Nachhaltigkeit beschlossen sie, das Gebäude zu erhalten. Der Umbau ist dezent und bewahrt, wo immer möglich, die originale Bausubstanz und deren Materialien. Heute ist Yorkton ein ausgesprochen einladender Raum, in dem man spürt, dass hier Dinge hergestellt werden. Das Büro hat sich im Laufe des Umzugs vergrößert und das Team arbeitet jetzt im schönen, lichtdurchfluteten Hauptstudio. Es gibt eine größere Werkstatt für Forschung und Entwicklung, einen Hof, und eine Terrasse, neue Besprechungsräume, und eine große rote Treppe als Herzstück des Umbaus. Im hinteren Teil liegt das umfangreiche Archiv von Pearson Lloyd, in Kisten verpackt und so ordentlich beschriftet, wie man es sich nur wünschen kann. Das Büro beschäftigt etwa 10 bis 12 Mitarbeiter, und abgesehen von ein paar temporären Erweiterungen für größere Projekte ist diese Zahl über viele Jahre hinweg konstant geblieben. Da mit wachsender Mitarbeiterzahl die eigentliche gestalterische Arbeit unweigerlich von Managementaufgaben verdrängt würde, ist es Pearson Lloyd wichtig, dass die Größe ihres Büros, nun ja, überschaubar bleibt.

Die rote Treppe als Herzstück des Umbaus
Die rote Treppe als Herzstück des Umbaus

Bei dem Umzug in einen größeren Raum (mit mehr als 450 Quadratmetern) ging es also nicht so sehr um die Erweiterung des Büros als vielmehr darum, Pearson Lloyd zusammenzubringen, buchstäblich wie auch im übertragenen Sinne. Hier präsentieren sie sich der Welt auf eine Art und Weise, die für dieses unaufgeregte Büro neu ist: mit einem zusätzlichen, öffentlichen Raum im Erdgeschoss, der ganz neue Spielräume eröffnet. Hier werden künftig Ausstellungen, Vorträge und Veranstaltungen mit Designbezug stattfinden. Tom: „Wir freuen uns immer, wenn wir zu Vorträgen eingeladen werden und daher dachten wir – warum machen wir das nicht selbst?“ Es wird sehr interessant sein, zu beobachten, wie diese Designer (die vielleicht ein wenig öffentlichkeitsscheu sind) sich dem Publikum öffnen. Noch einmal Tom: „Es ist doch einfach schön, wenn etwas los ist.“

Pearson Lloyd’s gestalterische Arbeit umfasst Innenräume, Möbel, Flugzeugsitze, Mülleimer und Hörgeräte. Sie arbeiten langsam (oder vielleicht besser: umsichtig) und nähern sich einer Designlösung an, testen sie, verwerfen sie, geben ihr noch eine Chance, so lange bis sie sich bewährt hat. Dabei haben sie gelernt, dass es beim Arbeitsprozess darum geht, den Prozess selbst auszutesten. Da Pearson Lloyd Überflüssigkeiten ausmerzen wollen, sehen ihre Designs sehen fast spärlich aus, sind aber nie unbequem. „Wir sind keine typischen Designer. Wir sind irgendetwas dazwischen. Vieles, das wir tun, tun wir, weil wir uns dafür interessieren und nicht weil es gut fürs Geschäft ist.“

Tom and Luke arbeiten seit 24 Jahren zusammen
Tom and Luke arbeiten seit 24 Jahren zusammen

Das Zentrum von Yorkton ist die Werkstatt, in der die Entwürfe von Tom und Luke hergestellt werden. Für die Entwicklung von Prototypen für neue Projekte wird viel Raum benötigt. Dabei ermöglicht die neue Werkstatt es ihnen, Dinge stehen zu lassen, eine Weile mit ihnen zu leben und zu sehen, wie sie sich im echten Leben bewähren. Luke erklärt: „Menschen stellen Möbel ganz von selbst dort hin, wo sie sie haben wollen und benutzen sie, wie es für sie am besten funktioniert.“ Tom ergänzt: „Eine Idee, die unserer Arbeit zugrunde liegt, ist die des menschlichen Körpers als Maßstab. Zuerst muss man verstehen, wie Menschen den Raum benutzen und dann eine Antwort darauf finden.“ Tom und Luke denken bereits seit langem, aber ganz besonders beim Yorkton-Projekt über die Intelligenz von Räumen nach und interessieren sich dafür, wie Menschen mit Raum umgehen – physisch wie auch emotional. Luke: „Emotion ist eine Funktion. Wir reden seit Jahren über emotionale Ergonomie. Wie man sich in einem Raum fühlt, ist mindestens ebenso wichtig wie der physische Aspekt.“

Design für die „dritte Lebensphase“ ist nicht besonders sexy und steht normalerweise nicht ganz oben auf der Wunschliste von Traumprojekten für Designer. Bis man plötzlich, egal in welchem Alter, auf ein Hilfsmittel angewiesen ist und im Sanitätshaus nichts finden kann, was man auch nur im Entferntesten besitzen, tragen oder benutzen möchte. Der Treppenlift, den Pearson Lloyd gerade für ThyssenKrupp gestaltet haben, ist ein gutes Beispiel für ihren Ansatz: langsam, sicher, durchdacht. Sie wurden gebeten, den Lift neu zu entwerfen, weil Kunden Treppenlifte nur als Notlösung kauften, nachdem sie schon einen Unfall gehabt hatten und nicht, um Unfälle bereits im Vorfeld zu vermeiden. Und weil, wie Luke sagt: „Die Dinger einfach so hässlich sind.“ Das Projekt läuft nun schon seit 10 Jahren und ist das längste Einzelprojekt, an dem sie je gearbeitet haben. Die sozialen Auswirkungen von Design sind faszinierend, vor allem im Gesundheitsbereich. Und wenn man Menschen ermöglichen kann, so lange wie möglich dort zu bleiben, wo sie leben wollen, dann wird uns das allen zugutekommen. Luke fährt fort: „Es geht darum, die Stigmatisierung zu beseitigen. So viele Menschen könnten vor einem schlimmen Sturz bewahrt werden oder könnten bei ihren Familien bleiben. Warum sollte ich aus rein körperlichen Gründen in ein Altenheim gehen, obwohl mein Geist sich weiterhin wie mit 16 anfühlt? Für uns war das eine sehr spannende und schwierige Aufgabe: warum sind diese Sachen so schlecht gestaltet?“

„Menschen stellen Möbel ganz von selbst dort hin wo sie sie haben wollen und benutzen sie, wie es für sie am besten funktioniert.“
„Menschen stellen Möbel ganz von selbst dort hin wo sie sie haben wollen und benutzen sie, wie es für sie am besten funktioniert.“
Foto: Taran Wilkhu

Seit Pearson Lloyd vor Jahrzehnten anfingen als Designer zu arbeiten, haben sich die Ansprüche an den Arbeitsplatz geändert. Luke glaubt, dass Arbeitsräume sich bald wieder vollkommen verändern werden, vorangetrieben durch die Pandemie und das Arbeiten im Homeoffice. Zu Hause zu arbeiten ist jetzt fast die Norm: „Nicht alle werden ins Büro zurückkehren. Da ist gerade eine kulturelle Verschiebung im Gange, die zuerst durch neue technologische Entwicklungen ausgelöst wurde. Und dann kam COVID dazu, das sich sozusagen in diesen Dialog eingemischt hat. Vorher konnten nur die Leute zu Hause arbeiten, denen man besonders vertraut hat. Aber jetzt sind es fast sogar die wichtigsten Leute, die zurück ins Büro kommen. Büroraum wird extrem wertvoll werden. Wir leben in einer sehr interessanten Zeit, finde ich, in der wir die Schnittstellen zwischen den verschiedenen Arbeitskulturen neu ausloten müssen.“ Luke glaubt allerdings nicht, dass das Büro jemals obsolet sein wird, denn gegen die Bequemlichkeit von Videoanrufen spricht die Tatsache, dass in der digitalen Kommunikation immer auch viele Dinge verloren gehen. „Physisch mit anderen im selben Raum zu sein ist eine konkrete, unerschütterliche Realität. Wir wissen nur noch nicht genau, wie viel wir davon brauchen werden.“

Da sie selbst Möbeldesigner sind, ist es interessant zu sehen, mit welchen Möbeln sie Yorkton ausgestattet haben. Vorwiegend sind es ihre eigenen Designs, kombiniert mit ein paar Antiquitäten, darunter ein Kunsthandwerkerschrank von einem Verwandten von Tom. Die einzigen anderen Möbel, die von „namhaften Designern“ stammen, sind einige Bouroullec-Stücke im Außenbereich und ihr altes 606. Tom: „Wir wollten nicht nur Möbel von Luke und Tom hier haben, das wäre zu anstrengend.“ Ihr 606 begleitet sie, seit es 2006 in ihrem ehemaligen Studio in der Drysdale Street installiert wurde. Beide haben außerdem „mehrere Meilen“ des Regalsystems in ihren eigenen Häusern stehen. „Es ist einfach clever“, sagt Luke.

„Wir wollten nicht nur Möbel von Luke und Tom hier haben, das wäre richtig anstrengend.“
„Wir wollten nicht nur Möbel von Luke und Tom hier haben, das wäre richtig anstrengend.“
Foto: Taran Wilkhu

Tom und Luke stellen fest, dass es recht lange dauerte, bis sie artikulieren konnten, wofür ihr Designbüro steht. Yorkton sagt uns das auch ohne Worte, was wir über Pearson Lloyd wissen müssen – ihre Designs und wie sie entstehen. Es ist ein Raum, der neu aufzeigt, wie wir in Zukunft arbeiten werden und der uns zeigt, dass die Grenze zwischen Arbeit und Zuhause fließender werden kann. Und dass es uns allen guttun würde, nicht mehr auf Arbeitsweisen zu beharren, die sich überholt haben.