Ein Liebesbrief an Vitsœ
Rachel Leedham fühlte sich veranlasst, uns zu schreiben und wir fühlten uns wiederum veranlasst, ihre Worte zu teilen…
Von: Rachel Leedham
Fotos: Rachael Smith
Meine erste Begegnung mit dem Regalsystem 606 von Vitsœ hatte ich 1995, zu Beginn meiner journalistischen Laufbahn als Redakteurin bei Elle Decoration in Hongkong. Ich erinnere mich so genau daran, weil ich das Bild bis heute besitze – aus einer Zeitschrift herausgerissen und nach 30 Jahren längst abgegriffen. Es zeigt ein schlichtes Wohnzimmer in einem Londoner Haus: Eine Wand mit modularen Regalen bildet einen eleganten Rahmen für Bücher, Erinnerungsstücke und die Schallplattensammlung der Bewohner. Daneben hatte ich zwei Worte gekritzelt: gute Regale?
Vier Jahre später lebten mein französischer Mann Eric (Baudirektor und leidenschaftlicher Amateurgeiger) und ich als frisch verheiratetes Paar im Nordwesten Londons. Wir mieteten eine Zwei-Zimmer-Wohnung im obersten Stockwerk eines Hauses nahe Hampstead Heath. Ein Freund rief an, um uns mitzuteilen, dass er sein Büro südlich der Themse verkleinern würde und dass er mehr Vitsœ-Regale besaß, als er behalten konnte. Er fragte, ob wir ein paar davon als verspätetes Hochzeitsgeschenk haben wollten? Diese Frage musste er kein zweites Mal stellen.
Als ich bei Vitsœ anrief, um ein zusätzliches E-Profil für unser gebrauchtes System zu bestellen, war ich überrascht von der Hilfsbereitschaft des Planers, denn es handelte sich beim besten Willen nicht um einen großen Auftrag. „Vitsœ-Kundinnen und -Kunden bleiben uns meist ein Leben lang treu“, sagte er freundlich, während er den Versand organisierte. Wir bauten die Regale in meinem kleinen Arbeitszimmer auf und räumten unsere Zeitschriften, Unterlagen und Stapel von Erics Noten ein. Dann traten wir einen Schritt zurück. Ein elegantes System – und eines, das wir bei einem Umzug einfach mitnehmen können.
Doch es gab keinen nächsten Umzug. Wir hatten uns in dieses kleine Stück London verliebt. Schließlich überzeugten wir unseren Vermieter, uns die Wohnung zu verkaufen – mit einem Blick, der vom Emirates Stadium über die Kuppel von St Paul’s bis zum London Eye reicht. Hampstead Heath wurde zu unserem Ersatzgarten: eine offene, grüne Weite, die unserem Alltag Rhythmus und Ausgleich gab. Im Sommer gingen wir mit Freunden, Decken und Kühlboxen dorthin. Und das ganze Jahr über schwammen wir in den Teichen.
In dieser Zeit wurde unser erster Sohn Alex geboren. Mein Arbeitszimmer wurde sein Kinderzimmer, und das Arbeiten am Küchentisch erwies sich bald als unpraktisch. Also stiegen wir auf den Dachboden. Unter der Schräge des Mansardendachs fragten wir uns, was wir daraus machen könnten. Abends begann Eric zu zeichnen: eine leichte Anhebung des Dachs, zwei neue Schlafzimmer, ein Bad und eine kleine Terrasse mit Blick über die Stadt. Nach einigen nervenaufreibenden Monaten kam die Baugenehmigung. Das Gerüst wurde aufgebaut, wir zogen vorübergehend in eine Mietwohnung. Unsere geduldigen Nachbarn ertrugen Lärm und Staub – wir versuchten, es mit Wein und Blumen wiedergutzumachen.
Acht Monate später kehrten wir zurück, gerade rechtzeitig zur Geburt unseres zweiten Sohnes Theo. Die beiden teilten sich eines der neuen Schlafzimmer, was nach cleveren Aufbewahrungslösungen verlangte. Also bestellten wir ein weiteres 606. Die großzügigen Regalböden begleiteten die wechselnden Leidenschaften der Kinder: eine Woche ein Zoo aus Schleich-Tieren, die nächste ein Stau aus Lego-Lkws, dann wieder leicht feuchte Pappmaché-Skulpturen. Wie die besten Eltern urteilte das System nicht über das Chaos. Es bot einfach Platz dafür.
Währenddessen schrieb ich für Hochglanzmagazine über außergewöhnliche Häuser in aller Welt. Mein Ordner mit Ideen für unser eigenes „Traumhaus“ wurde immer dicker. Eine Küche mit großer Insel für lange Abende mit Freunden und Cocktails. Ein Wohnzimmer mit einem großen Feigenbaum. Ein Garten mit Lichterketten.
Irgendwann wurde mir klar, dass wir längst in unserem Traumhaus lebten. Wir mussten nur genauer hinsehen – und ein wenig kreativer werden. Auf der Terrasse stellten wir eine Bank auf und drapierten sie mit Lichterketten. Zu meinem 50. Geburtstag schenkten mir Freunde tatsächlich einen Feigenbaum.
Blieb noch die Küche. Wir sahen uns in dem engen Raum um und beschlossen, die Wand zum Wohnzimmer zu durchbrechen. Die alten, starren Einbauschränke wirkten plötzlich wie aus einer anderen Zeit. Wir brauchten etwas Offeneres, Anpassungsfähigeres. Wir wussten genau, wen wir anrufen mussten.
Gemeinsam mit unserem Vitsœ-Planer Robin entwarfen wir raumhohe Regale für die Nische rechts vom Kamin. Auf der gegenüberliegenden Seite, unter der Dachschräge, rahmen weitere Regale einen wandmontierten Fernseher – so zurückhaltend, dass er fast verschwindet. Am Ende der Küchenzeile bieten schmalere Regale Platz für Kochbücher und Romane, für Schlüssel und Fahrradlichter (unser Flur ist zu klein für einen Tisch).
Unsere Regale haben sich zu einer sich ständig wandelnden Ordnung von Dingen entwickelt, die uns Freude bereiten: Pflanzen, Muscheln, indische Hinterglasmalereien, eine wechselnde Auswahl bayerischer Keramiken. Jedes neue Stück findet still und selbstverständlich seinen Platz. Auf diese Weise spiegeln sie die organische Entwicklung unseres Zuhauses wider.
Seit diesem Jahr sind beide Söhne an der Universität. Vorerst sind es also nur noch Eric und ich – zusammen mit unserem Whippet Hugo. Die Nutzung der Wohnung hat sich subtil verändert: Ich arbeite wieder in der Küche, was mich dazu inspiriert hat, mein Arbeitszimmer neu zu überdenken. Es soll ein flexiblerer Raum werden, vielleicht mit einem Tagesbett für Gäste. Das 606 wird deshalb an eine andere Wand rücken und vielleicht durch Schubladen ergänzt werden, damit ich mich endlich vom Aktenschrank trennen kann.
Ich schrieb Robin eine E-Mail, um die nächsten Schritte anzustoßen. Nur wenige Stunden später kam seine Antwort: „Kein Problem, Rachel. Ich freue mich darauf, mich mit dir zu treffen, wenn du so weit bist.“ Irgendwie war es beruhigend zu wissen, dass das System – und die Menschen dahinter – noch immer da sind. Geduldig. Bereit für das nächste Kapitel.