Kapitel Zwei
Camilla, die in Ton und Erde Halt findet.
Von: Vitsœ
Fotos: Kasia Bobula
Camillas Leben war in letzter Zeit nicht einfach. Und so zögerten wir ein wenig, erneut mit ihr über Ihr Leben und Vitsœ zu sprechen. Wir fragten uns, ob das Erzählen für sie vielleicht zu schmerzhaft sein könnte.
Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten und zerstreute alle Bedenken. Sie schrieb: „Um euch zu beruhigen: Ich empfinde es überhaupt nicht als indiskret. Es war letzten Dienstag vier Jahre her, dass John gestorben ist. Und obwohl ich ihn jeden Tag vermisse, gibt es in meinem Leben Konstanten, die mich an die schönsten Zeiten mit ihm erinnern – und unser Vitsœ gehört dazu.“
Wir sitzen im großzügigen Raum eines modernen Hauses mit einer breiten Glasfront, die den Blick auf Camillas Garten in Suffolk, England, und den dahinterliegenden Park freigibt. Trotz seiner Weitläufigkeit strahlt das Haus Wärme aus – nicht zuletzt dank des Bodens aus alten Dielen.
Neben uns steht das Vitsœ-Regalsystem mit Johns Plattenspieler und vertrauten Dingen, darunter das Kunstwerk von Michael Stokoe, das sie für ihn gekauft hatte. Camilla hat in ihrer offenen Küche Kaffee gekocht und köstliche Vollkorn-Haferkekse gebacken. Auch hier zieht sich ein vertrautes Regalsystem 606 an der Wand entlang. Alle Regalelemente sind in den vergangenen fünf Jahren dreimal umgezogen.
Wir trafen [Camilla und ihren Mann John](/de/voice/musik) erstmals 2020. Sie waren kurz zuvor ins Barbican in London gezogen, nachdem bei John eine Motoneuron-Erkrankung (MND) diagnostiziert worden war. Als er später auf einen Rollstuhl und Pflegepersonal angewiesen war, zogen sie innerhalb des Barbican in eine größere Wohnung um.
Camilla erklärt, dass sie und John Vitsœ “für die Ewigkeit” angeschafft hatten – wohl wissend, dass ihrem gemeinsamen Leben keine Dauer beschieden sein würde. „Eine der Konstanten in meinem Leben waren Robin und Vitsœ, oder vielmehr Vitsœ und Robin, [ihr Vitsœ-Planer.](/planungsteam) Als wir innerhalb des Barbican von einer Wohnung in die nächste zogen, gab uns das Regalsystem das Gefühl von Zuhause, denn es beherbergte den Plattenspieler, Johns Schallplatten und all unsere schönen Dinge.
„Viele Freunde kamen herein und sagten: ‘Seid ihr wirklich umgezogen? Es fühlt sich an wie eure alte Wohnung.’ Und genau das wollten wir – es sollte sich nicht fremd anfühlen.“ Johns Kinder wohnten bei ihnen, als ihr Vater am Ende seines Lebens war. Camilla erzählt: „Wir haben alle gemeinsam angepackt – die Zwillinge Amy und Ben, und ihre älteren Geschwister Joe und Emily.“
John starb 2022 und ließ Camilla und seine vier Kinder zurück, die nun ein Leben ohne ihn beginnen mussten. Die Mietwohnung hatte eine sehr bestimmte Aufgabe erfüllt, war aber kein Zuhause für immer. Camilla erklärt: „Nach Johns Tod war ich sehr ruhelos und wollte einfach weitermachen. Das Besondere an seiner Erkrankung war, dass man bei MND keine Zeit verlieren kann – alles geht so schnell.“ Sie verließ das Barbican und zog nach Crouch End im Norden Londons, wo sie und die Zwillinge zusammen sein konnten. Wie Camilla sagt: „Auch wenn sie bald ihr Studium begannen, fühlte es sich wie eine wichtige Geste an.“
Wieder kümmerte sich Robin darum, die Regale abzubauen und neu zu konfigurieren – eine kleine Konstante in ihrem Leben. „In Nordlondon war alles sehr anders, weil wir anders waren – wir hatten John nicht mehr. Ich hatte nicht das Gefühl, dass es ein Haus für immer sein würde. Ich wollte unbedingt in einer gut gestalteten Wohnung leben. Nach mehr als zwanzig Jahren im Barbican wollte ich nicht in einem typischen viktorianischen Reihenhaus wohnen - zumal Johns Kinder aus ihrem sehr geliebten Reihenhaus in Brighton kamen.“
Für Camilla war 2022 ein Annus horribilis, da sie auch noch beide Eltern verlor. Zurückblickend sagt sie: „Das Ende von Johns Leben und die schlimmste Phase seiner Motoneuron-Erkrankung fielen in die Covid-Zeit. Es hat mich wirklich tief getroffen, meine eigene Familie nicht sehen zu können. Sie wohnten und wohnen noch immer in Suffolk.“ Seit die Zwillinge an der Universität sind, vermisst sie die ‘Balkonwiese‘, die sich im Barbican über die gesamte Breite des Balkons zog. Der Wunsch nach einem richtigen Garten war zu einem treibenden Grund geworden, erneut aufzubrechen und London zu verlassen.
„Es lag nahe, nach Suffolk zu ziehen. Und ich liebe Suffolk. Als dieses Haus angeboten wurde, war klar: Das muss es einfach sein.“ Johns jüngste Tochter sah sich das Haus gemeinsam mit ihr an, denn Camilla wollte , dass das Haus auch den Zwillingen ein Zuhause und Halt bieten sollte. Und Ihre Schwester lebt auch in Suffolk - Camilla beschreibt sie als „das Herz der Familie für ihre eigenen Kinder, aber auch für die Enkelkinder“. Das gibt Camilla reichlich Gelegenheit, Zeit mit ihrer Schwester, ihrer Nichte und ihrem Neffen sowie ihren vier Großnichten zu verbringen.
Als besonderes Geschenk zum Geburtstag ihrer Schwester besuchten sie gemeinsam einen Töpferkurs „und liebten es so sehr“. Camilla machte daraufhin einen weiteren Kurs, die Begeisterung wuchs. „Jetzt gehe ich dort zweimal die Woche hin. Ich fühle mich sehr, sehr glücklich.“ Im gemütlichen Teil des Wohnzimmers säumt ein neu angeschafftes schwarzes 606 die dunklen petrolblauen Wände. „Ich finde, es passt wunderbar. Es ist ein großer Raum, der Wärme braucht. Wir sitzen hier am Kamin und schauen fern. Ich dachte: Dunkle Farben passen hier besser. In den Regalen stehen neben ihren eigenen Keramiken auch Arbeiten von Chris Prindl, Pierre Culot, Akiko Hirai und Robin Welch.
Die Treppe bietet eine fantastische Galerie, in der ihre Keramiken mit denen etablierter Töpfer und anderen kleinen Schätzen kombiniert werden – draußen fällt der Blick auf Glyzinien, viktorianische Schornsteine, einen Wetterhahn und Bäume. Im Obergeschoss befindet sich ihr Arbeitszimmer.
Die ganze Zeit hindurch hat Camilla drei Tage die Woche als Psychotherapeutin gearbeitet. Sie erklärt: „Eines der Dinge, die Covid bewirkt hat, war, dass Therapeuten und Klienten lernten, wie man per Videogespräch miteinander arbeitet.“ Das hat ihr auch die Freiheit gegeben, dort zu leben, wo sie möchte.
Ihr Schlafzimmer blickt auf den Garten. Angrenzend befindet sich ein kleines Ankleidezimmer, und auch hier hat Robins 606-Planung einen Raum geschaffen, der Camilla nach eigener Aussage ‘tägliche Freude’ bereitet. Vom Schlafzimmer aus blickt man auf den Garten, den Camilla bepflanzt hat. Was in nur einem Jahr gewachsen ist, überrascht sie noch immer.
Vier Jahre nach dem Verlust von John ist es Camilla gelungen, Amy und Ben ein einladendes Zuhause zu geben, das bei Bedarf auch für alle von Johns Kindern groß genug ist. Ihren Klienten hat sie die Kontinuität ihrer psychotherapeutischen Arbeit bewahrt, und für sich selbst hat sie in der Arbeit mit Ton und Erde ihren Frieden gefunden.