Die Schönheit des Alltäglichen
Der New Yorker Fotograf Ethan Barber warf über zehn Jahre einen genauen Blick auf die Stadt und entdeckte dabei Dinge, die manch anderer übersieht.
Von:: Leanne Cloudsdale and Vitsœ
Fotos:: Jessica Antola and Ethan Barber
In seinem Buch Ways of Seeing fordert John Berger uns alle dazu auf, unseren Blick auf die Welt zu überdenken. Das 1972 erstmals veröffentlichte Werk gilt als eines der einflussreichsten Bücher über Kunst in allen Sprachen. Der in New York lebende Fotograf Ethan Barber folgt Bergers Ansatz – er hat sich eine Karriere daraus aufgebaut, Dinge zu beobachten, die die meisten Menschen übersehen. Für ihn liegen die faszinierendsten Momente der Stadt selten im Spektakulären.
Für Ethan ist genaues Hinsehen zu einer Art des Innehaltens geworden. Ein Mensch, der nach einem langen Arbeitstag seine Kleidung aus der Reinigung nach Hause trägt, eine vertraute Straßenecke zu einer anderen Jahreszeit oder ein flüchtiger Austausch zwischen Fremden, üben auf ihn denselben Reiz aus wie die bekanntesten Wahrzeichen der Stadt. „Ich hatte schon immer ein Interesse am Gewöhnlichen und daran, Dinge zu schätzen, die unbemerkt bleiben“, erklärt er. „Meine ersten Fotos waren einfache Aufnahmen von Regentropfen auf Autoscheiben, von Bäumen und Grashalmen im Garten oder sogar von den Fischen in meinem Aquarium. Alltägliches, das sonst unauffällig gewesen wäre, fühlte sich für mich bemerkenswert an.“
2026 sind es zehn Jahre, seitdem Ethan begann, New York ernsthaft zu fotografieren. In dieser Zeit haben sich sowohl die Stadt als auch seine Art, sie zu sehen, verändert. Er hat mit Film, Digitalfotografie und Sofortbildern gearbeitet, Tausende kurzer Clips gedreht und längere, kontemplative Bewegtbilder geschaffen. Ein Jahrzehnt später bleibt sein Vorgehen jedoch dasselbe: an vertraute Orte zurückzukehren, um zu sehen, was als Nächstes geschieht.
Er erklärt: „Wenn ich losziehe, um zu fotografieren, ist das meist eine der wenigen Möglichkeiten, dem Lärm des Alltags zu entkommen. Ich stelle mein Handy auf ‚Nicht stören‘ und höre manchmal nicht einmal Musik. Ich schlendere einfach umher, nehme die Welt um mich herum auf und finde immer wieder neue Wege, dieselben Viertel zu interpretieren. Manchmal verspüre ich einen immensen Druck, nicht genug festzuhalten – und dass sich alles schneller verändert, als ich es dokumentieren kann. Ich verabscheue die Klischees, die New York zugeschrieben werden, besonders von den Medien. Ich möchte, dass die Menschen über die reißerischen Schlagzeilen einer Großstadt hinwegsehen und die Magie im Gewöhnlichen erkennen.“
In 50 Jahren, so hofft er, werden die Menschen seine Arbeit betrachten und verstehen, dass das romantisierte New York der Vergangenheit nie wirklich verschwunden ist. Die Stadt wird oft als hektische, chaotische Betonwüste beschrieben, doch Ethans Fotografien legen etwas anderes nahe. Es ist zu seiner persönlichen Mission geworden, die Klischees in Frage zu stellen und ein authentisches Bild für Menschen zu schaffen, die noch nie dort waren. Trotz dieser Absicht erhält er häufig Kommentare zu seinen Bildern wie ‚Ach, dieses New York gibt es längst nicht mehr!‘ oder ‚Wunderschön, aber so sieht es heute nicht mehr aus!‘. Grinsend sagt er: „Das bringt mich zum Schmunzeln, denn diese Kommentare stehen fast immer unter einem Bild oder Video, das erst wenige Tage zuvor entstanden ist.“
Unbeirrt kehrt Ethan bewusst zu denselben Gegenden und Straßenecken zurück. Er lässt das Licht, das Wetter und die Menschen die Szene jedes Mal neu schreiben. Er sinniert: „Mittlerweile betrachte ich meine Aufnahmen wie Schneeflocken. Es wird nie zwei gleiche geben. Ich liebe es, dieselben Orte als Ankerpunkt meines Stils zu nutzen, doch dann lasse ich die Zeit und die Unmittelbarkeit meiner Mitmenschen die Geschichte selbst bestimmen. Ich glaube, genau deshalb ist es für mich nie langweilig – und wird es auch nie werden.“
Obwohl der Großteil seines Archivs auf Festplatten (und in der Cloud) gespeichert ist, begann Ethan vor sieben Jahren, eine Auswahl seiner Fotografien in einen Jahreskalender zu verwandeln. Die erste Auflage verkaufte sich weniger als 50 Mal. Im Jahr darauf waren es über 150, dann fast 300. Heute werden jedes Jahr Tausende Kalender in mehr als 50 Länder verschickt. „Ich hätte nicht gedacht, dass tatsächlich jemand einen kaufen würde!“, lacht er. „Es ist zu einer solchen Herzensangelegenheit geworden, dass ich mich jedes Jahr wirklich auf die Gestaltung freue.“
Ethan lebt in einer Wohnung auf der Upper East Side und erzählt: „Es ist eine wunderschöne Wohnung mit stabilem Mietpreis in einem Vorkriegsgebäude mitten im Herzen von Yorkville. Der Zusammenhalt in der Nachbarschaft hier ist unglaublich stark. Im Laufe der Jahre haben wir fast jeden kennengelernt, der in unserem Gebäude wohnt, und fast alle Ladenbesitzer in unserem Block. Von der Textilreinigung über den Schuster bis zum Feinkostladen an der Ecke und unserem Lieblingsrestaurant – wir legen großen Wert darauf, uns für unsere lokale Gemeinschaft zu engagieren, wann immer wir können.”
Die Wohnung gliedert sich in fünf eigenständige Räume, während Ethans Studio am Broadway kleiner ist, aber durch 17 Fuß hohe Decken (rund 5,2 Meter) und 10 Fuß hohe Fenster (rund 3 Meter), die viel Licht einströmen lassen, den Eindruck größeren Volumens vermittelt. Er beschreibt es so: „Es ist der perfekte Ort für mich zum Nachdenken, Arbeiten, Filmen, Fotografieren und für alles, was ich brauche, um mein Geschäft am Laufen zu halten. Ich habe den Kontrast lieben gelernt, zwischen einem großzügigen, weitläufigen Raum in Downtown für meine Arbeit tagsüber und einer kleinen, intimeren Wohnung in Uptown für mein Privatleben. Es fühlt sich an, als würde ich jeden einzelnen Tag das Beste aus beiden Welten leben.“
Seine Wertschätzung für das Alltägliche zeigt sich ebenso in seiner Vorliebe für Flohmärkte, Secondhandläden und Gebrauchtwarengeschäfte. Dort hat er die meisten Dinge für seine Wohnung und sein Studio gefunden. Zu seinen Schätzen zählen ein Besteckset im Stil der Jahrhundertmitte von einer Reise in die Niederlande, ein vergriffenes Buch aus den 1990er-Jahren, das er als Geburtstagsgeschenk erhielt, und ein Sofa aus den 1960er-Jahren. „Es gibt nichts, was ich lieber tue, als am Wochenende nach meinem nächsten Lieblingsstück zu suchen. Ich warte jahrelang, bis ich genau das, was ich will, zum richtigen Preis finde. In meiner Kindheit wurde oft der Satz ‚Geduld ist eine Tugend‘ wiederholt! Das habe ich schon sehr früh gelernt und in mein Erwachsenenleben mitgenommen.“
Ethans Interesse an Vitsœ begann mit Jony Ives Arbeit für Apple, die ihn zu Ives eigenem Vorbild Dieter Rams und von dort zum 606 führte. Er erklärt: „Ich entdeckte Rams' Entwürfe für Vitsœ und begann sofort davon zu träumen, das Regalsystem 606 selbst in meinem zukünftiges Zuhause und Studio zu haben“
Ethans erstes 606 System stand zunächst in seiner Wohnung und beherbergte vor allem seine persönliche Bibliothek aus Kunst-, Grafikdesign-, Architektur- und Fotografiebüchern. Später zog er alles in sein Studio um, und sobald es die Wohnung verlassen hatte, zeigte sich, dass dort weiterhin eine kleinere Bibliothek zur Inspiration gebraucht wurde. So wurden zwei weitere 606 Systeme geplant und installiert: eines im Wohnzimmer für eine Sammlung von Filmen und Büchern und ein zweites in der Küche als zusätzlicher Stauraum für Alltagsgegenstände und Küchengeräte.
„Ich kann mir keinen Tag vorstellen, an dem ich mich von einem der Systeme trennen würde. Ich denke eher darüber nach, künftig noch mehr hinzuzufügen“, fasst er zusammen. „Die Einfachheit, die Modularität und die Qualität sind unübertroffen. Es gibt einen Grund, warum dieses System der Zeit standgehalten hat. Es ist zeitlos und dafür entworfen, so lange bei einem zu bleiben, wie man es braucht.“
Für jemanden, dessen Beruf sich um das Festhalten verstreichender Zeit dreht, ergibt diese Weisheit vollkommen Sinn. Ethan erwartet nicht, Schönheit sofort zu finden – er verweilt gerne lange genug, um sie zu entdecken.