Silber und Gold, Plastik und Pappe
Ein Gespräch über Caroline Broadheads Leben als Juwelierin im Vorfeld der Schmuckausstellung des Central Saint Martins College bei Vitsœ München

Veranstaltungsdetails

Shelf aware
Eine Schmuckausstellung von Studierenden und Lehrenden des Londoner Central Saint Martins College

Vitsœ

Türkenstraße 36
80799 München
Deutschland

3.–14. März 2018

Montag–Freitag 10:00–19:00 Uhr

Samstag & Sontag 10:00–18:00 Uhr

Fotografiert von Kasia Bobula

Kurz vor Semesterbeginn am Londoner Central Saint Martins College genießt Caroline Broadhead, Leiterin des Studiengangs Schmuck­design der Kunsthochschule, einen seltenen Moment der Ruhe. Vor leeren Werkbänken und mit nichts als dem fernen Summen einer Lüftungsanlage im Ohr konzentriert sie sich auf die Vorbereitung einer Reihe von Ausstellungen im Frühling.

Die renommierte Schmuckdesignerin organisiert eine Retrospektive ihrer eigenen Werke, die im Februar in den Niederlanden eröffnet, und koordiniert die jährliche Ausstellung von Arbeiten ihrer Studierenden und Lehrenden während der internationalen Münchner Schmuck­messe im März.

Schon in ihrer Kindheit war Kunst ihr Lieblingsfach. Ihre Begeisterung für Schmuckdesign wurde geweckt, als ihr Keramiklehrer in Devon sie ermutigte, ein Paar Ohrringe aus Metall und Emaille herzustellen. Mit einem Lächeln erinnert sie sich: „Die Freiheit im Kunst- und Handwerksbereich war das Beste an der Dartington Hall School. Ich habe immer in der Kunstabteilung herumgebastelt – sonst war ich zu nichts zu gebrauchen.“

„An dem Tag, an dem ich diese Ohrringe gemacht habe, hat sich alles verändert: Etwas Kleines und Dreidimensionales zu erschaffen fühlte sich magisch an. Ein nichtssagendes Stück Metall in etwas Neues zu verwandeln, hat ein Feuer in mir entfacht. Ich zog nach Leicester, um einen Grundkurs zu beginnen, und hörte dort, dass man Schmuck­design tatsächlich studieren konnte. Also bewarb ich mich bei der Central School, wie das heutige Central Saint Martins damals noch hieß, und bekam einen Platz in dem Studiengang, den ich heute leite.“

Caroline Broadhead genießt einen Moment der Ruhe am Central Saint Martins, London

1973, mit einem Diplom in Kunst & Design, gründete Broadhead mit einigen ihrer Mitabsolventen eine kleine Werkstatt in Covent Garden. Heutzutage erscheint es enorm mutig, die ersten Schritte in einem von Londons prestigeträchtigsten Bezirken zu wagen, aber vor 40 Jahren war die Gegend noch nicht die Touristenattraktion, die sie heute ist:

„Oh, damals war es noch nicht ‘Covent Garden’! Niemand kannte es. Wenn wir erzählten, dass wir dort unser eigenes Geschäft eingerichtet hatten, fragten die Leute: ‘Wo ist dieses Covent Garden?’ Es gab das Opernhaus und den Obstmarkt – aber wer beides nicht kannte, dem mussten wir unsere Adresse lang erklären.“

„Unser Glück war ein befreundeter Architekt, der für Rock Townsend arbeitete. Die Planung eines Studios im Keller war obligatorischer Bestandteil der Baugenehmigung für das neue Hauptquartier des Architekturbüros. Es war eng wie eine Gruft, mit sehr niedrigen Decken – perfekt für uns Juweliere, weil wir nur sehr wenig Platz brauchten.“

„Die Erwartungshaltung war damals, dass man die Uni abschloss, sich selbständig machte und nach Auftrag maßgeschneiderte Schmuck­stücke in Gold oder Silber mit Diamanten oder Edelsteinen herstellte. Aber ich wusste, dass es andere Wege geben musste. Ich experimentierte mit Silber und Elfenbein und mir war bewusst: Was ich tun wollte, war nicht kommerziell – also musste ich alles daran setzen, es trotzdem möglich zu machen.“

„Ich lebte von der Hand in den Mund. Ich hatte eine Teilzeitstelle in der Buchhandlung des Design Centers und habe den ein oder anderen Hochzeits- oder Verlobungsring geschmiedet, um über die Runden zu kommen.“

Caroline Broadhead machte ihren Abschluss zu einer Zeit, als sich die Branche im Umbruch befand. Sie erinnert sich, wie in den 1940er und 1950er Jahren die sogenannten Schmuckregeln jede Kreativität der Trägerin erstickten: „Man durfte keinesfalls Gold und Silber zusammen tragen, weil das als geschmacklos galt. Man durfte nur bestimmte Ringe an bestimmten Fingern tragen und so weiter.“

„Aber dann kamen die 60er und das Leben erstrahlte plötzlich in Technicolor. Kleidung und Schmuck wurden zu einem Mittel der Selbstdarstellung. Und sie waren erschwinglich. Darin wurzelt eine Entwicklung, die das Schmuckdesign in ganz verschiedene Richtungen geführt hat. Feine Stücke können witzig und durchaus verspielt, sogar subversiv sein.

„Der Modeschmuck, der uns heute begegnet, ist gut gestaltet, billig und zugänglich – ganz ähnlich wie das, was in den 1960ern gemacht wurde. Was damals als radikal angesehen wurde, gehört jetzt zum Mainstream.“

Die Broschen der Absolventin Frankie Moughton-Small sind aus Plastik gefertigt, den der Ozean angespült hat.

Nach Jahren harter Arbeit und Zielstrebigkeit wurde Caroline Broadheads Schmuck bald schon nach Übersee exportiert und dort in zahlreichen internationalen Ausstellungen gezeigt. Im Jahr 2009 begann sie schließlich ihre Tätigkeit am CSM und veränderte – mit Hilfe ihres fantastischen Teams, wie sie betont, – die Lehrkultur ihres Studiengangs.

„Bevor ich hier anfing, wurde vorwiegend Metall verarbeitet. Seit ich hier bin, werden andere Materialien ernster genommen. Allerdings ist es noch ein weiter Weg, bis sich die Einstellung grundlegend wandelt: Plastik wird immer noch als billig und unbegrenzt verfügbar angesehen, obwohl es auf Öl basiert – eine unserer wertvollsten Ressourcen. Es ist ein neues Material, das es seit weniger als 100 Jahren gibt, aber es hat zurzeit einen sehr schlechten Ruf, weil der Ozean voll davon ist.”

„Vielen Studierenden ist Nachhaltigkeit ein Anliegen. Sie verwenden Materialien, die möglichst wenig negative Effekte auf die Welt haben. Eine von ihnen formt Gegenstände, die man aus Stein oder Holz erwarten würde, aus recycelten Pappröhren. Es ist diese Art von Verfeinerung, der Zauber, ein Material und einen Prozess zu entdecken, die die Basis für die Gründung eines eigenen Unternehmens oder eine eigene Design-Identität bilden. Das Aufregende ist, dass jetzt alles gleichwertig ist.

Alles, was sich die Studenten vornehmen, ist verdienstvoll – der Fokus liegt auf der Qualität dessen, was sie tun, und darauf, wie sie die Gründe für ihre Entscheidungen ausdrücken. Es geht um Handwerkskunst und klare Ideen.“

Eine Studentin am Central Saint Martins stellt Schmuck aus Pappröhren her.

„Natürlich gibt es verschiedene Arten von Juwelieren“, fährt Broadhead fort. „Ein klassischer Handwerker zeichnet sich durch außergewöhnliche Liebe zum Detail und ein beharrliches Streben nach Präzision aus. Er achtet genau darauf, wie ein Riegel funktioniert oder wie ein Stein gesetzt wird.

Ein Schmuckstück ist tatsächlich sehr schwierig zu gestalten und zu fertigen. Die Leute erwarten, dass es robust ist, besonders wenn es an Hand, Handgelenk oder Finger getragen wird. Allein das Material dahin zu bringen, dass es nicht auseinanderfällt, ist eine Menge Arbeit.

Ein guter Juwelier denkt darüber nach, wie sich etwas am Körper anfühlt, dass es angenehm ist, bequem sitzt. Außerdem muss der Träger mit der Handhabung zufrieden sein. Auch dafür muss man sensibel sein. Jedes kleine Detail ist Audruck von Perfektion.“

Caroline Broadhead mit einer Halskette von Veronika Fábián

Neben ihrer Lehrtätigkeit nimmt die Arbeit an ihren eigenen Entwürfen die meisten Abende, Wochenenden und Sommerferien in Anspruch. Daher kann es Monate oder auch mal ein Jahr dauern, bis ein Stück fertig ist. Die Lehre hat Broadheads Wunsch nach Zusammenarbeit nicht gebremst – sie kooperiert mit Choreografen und verwendet manchmal Fotografien oder Zeichnungen als Teil ihrer gestalterischen Praxis.

Derzeit beendet sie die Vorbereitungen für eine Retrospektive am CODA Museum in Apeldoorn in den Niederlanden. Als nächstes richtet sie ihren Fokus auf die Ausstellung ‘Shelf aware’, die vom 3. bis 14. März 2018 im dritten Jahr in Folge Schmuckstücke bei Vitsœ in München zeigt. Die Schau umfasst Arbeiten von mehr als 40 Mitarbeitern und Studierenden des CSM, einschließlich der Ergebnisse eines speziellen zweijährigen Projekts zur Erforschung nachhaltiger Materialien.

Auf die Frage, ob es ein bestimmtes Schmuckstück gebe, von dem sie sich während des Herstellungsprozesses inspirieren lasse, nennt sie ihre Lieblingswerke in der Londoner National Gallery: „Ich liebe die Tudor-Porträts und die Frauen des 16. Jahrhunderts mit ihren großen Goldketten – unglaublich fantastisch! Das Dekor, die Haltung, die Eleganz. Die Grandeur dieser Stücke würde heutzutage nicht mehr funktionieren, aber in diesen Gemälden steckt etwas, das die wahre Kraft des Schmucks ausdrückt, der im Laufe der Geschichte stets ein Mittel war, um zu sagen: ‘Sieh mich an!’”