Nehmen Sie Platz!
Lily Worledge und Mark Adams von Vitsœ sprechen über die Denkleistung und die handwerkliche Sorgfalt, die nötig sind, um einen langlebigen Sessel zu entwickeln, der sich anpasst.

Die Gestalt eines Sessels verrät einiges über unsere sich ständig verändernde Welt: Als geformter Gegenstand – Stuhlentwürfe gelten als Königsdisziplin im Möbeldesign – verkörpert er die Haltung und die Epoche seines Gestalters und gibt zugleich wertvolle Einblicke in die Kultur und den Lebensstil seiner zeitgenössischen Nutzer.

Dieter Rams entwarf das Sesselprogramm 620 im Alter von 30 Jahren 1962, nur zwei Jahre nach der Einführung des Regalsystems 606. Mit einer Kombination aus traditionellen Polsterungstechniken und seinerzeit wegweisenden Materialien entwickelte Rams ein kompromissloses Sitzmöbel, das seine Besitzer überleben sollte.

Seit einem Gerichtsverfahren 1973 genießt der 620 urheber­rechtlichen Schutz. Als überraschend komfortabler Sessel ist er bis heute eine beliebte Wahl für anspruchsvolle Kunden, die den Wert langlebigen Designs verstehen und die Freiheit genießen, das Sesselprogramm einfach anzupassen, wenn sich ihre Bedürfnisse ändern. Was auf den ersten Blick als relativ einfache Konstruktion erscheint, ist das Ergebnis eines intelligenten und umfassenden Gestaltungs- und Herstellungsprozesses.

Um den Grad an Innovation, Nutzen und Qualität aufzudecken, die unter der Oberfläche der perfekt aufgefüllten Sitzkissen des 620 liegen, bat Leanne Cloudsdale Lily Worledge und Mark Adams von Vitsœ, Platz zu nehmen und zu erzählen:

Mark and Lily in conversation
Lily Worledge, verantwortlich für die Sesselproduktion bei Vitsœ, im Gespräch mit Geschäftsführer Mark Adams

Heutzutage angebotene Polstermöbel scheinen größtenteils fast vollständig aus dichtem Schaumstoff hergestellt zu sein. Wie unterscheidet sich das Sesselprogramm 620?

Lily: Der 620 wurde 1962 entworfen. Er stammt aus einer Zeit, in der sich die Möbelgestaltung sehr von der heutigen unterschied. Damals dachte man darüber nach, mit weniger zu leben und den Platz zuhause effizienter zu nutzen: Braucht man wirklich ein Sofa, dessen Lehne mehr als einen halben Meter Fläche beansprucht? Das erschien unpraktisch.

Was die Produktion betrifft: Wir verwenden Spiralfedern, die von einem der letzten traditionellen Federwerke in Großbritannien gefertigt werden, über die ein Kokosbast-Sitzpolster gegossen wird. Kokosbast wird aus geschredderten Kokosnussschalen hergestellt und schon seit Jahrhunderten verwendet. Für den 620 wird es mit Naturkautschuk kombiniert, um einen bequemen, langlebigen Sitz zu schaffen, der sich nahtlos in die mit CNC-Maschinen geschnittene Basis aus Birkensperrholz einfügt. Für die meisten modernen Stühle und Sofas würde dafür geschnittener Schaumstoff verwendet, der im Laufe der Zeit seine Stabilität verliert. Gummierter Kokosbast hingegen ist extrem belastbar und behält seine ursprüngliche Form – im Laufe eines Menschenlebens muss man ihn nie ersetzen. Das gleiche Material wird für die Lagerung verbrauchter Kernbrennstäbe genutzt – was eindeutig für die spricht.

Coir base assembly.
„Gummierter Kokosbast ist extrem belastbar und behält seine ursprüngliche Form.“

Lily: In meinen Augen ist die Polsterung, die wir für den 620 verwenden, ungewöhnlich für den Markt: Vollleder, das in keiner Weise behandelt wurde. Das bedeutet, man erhält einen Bezug mit natürlichen Eigenschaften wie Narben, Kratzer und Falten, der ausschließlich mit natürlichen Ölen und Wachsen bearbeitet ist. Das kann eine Überraschung für Kunden sein, die etwas vollkommen Gleichmäßiges erwarten. Aber es gibt den Sesseln Charakter und erlaubt uns, so viel wie möglich vom Leder zu nutzen, um Abfall zu reduzieren.

Lily hanging the 620 leather on 606 hanging rails

Viele Menschen verbinden zeitgenössische ausladende Formen (wie breite Armlehnen) mit einem Gefühl von Komfort. Kann so ein kompakter Stuhl das erreichen?

Mark: Dieter Rams wollte mit einem optisch leichten Rahmen den Komfort eines voll gepolsterten Sessels erreichen, egal ob ein Lehn- oder ein Clubsessel. Er erzählte davon, wie die Erfahrung von Niels Vitsœ in der Bettenbranche zur Erarbeitung des Designs beigetragen hat und schließlich zur Verwendung von Schraubenfedern für die Konstruktion führte.

Es gibt einen Satz, der mir immer wieder in den Sinn kommt, nämlich dass alles an Vitsœ einem Raum zum Atmen bietet. Ich sage immer: „Pressen Sie es nicht direkt an die Sockelleiste oder neben die Vorhänge oder was auch immer. Lassen Sie es atmen, und alles wird so viel besser aussehen und sich auch so anfühlen.“ Das ist auch eine Qualität des 620, weil er nicht gierig Platz beansprucht.

In Hinblick auf den Komfort: Immer wenn ich eines unserer Geschäfte besuche oder wenn ich hier in unserem Gebäude in Leamington bin, ärgere ich meine Kollegen, indem ich ständig die Polster aufschüttele. Ich mache das, weil ich aus Erfahrung weiß, dass wir Skeptikern den 620 in dem Moment verkaufen, in dem sie zum ersten Mal Platz nehmen. Sie können die Reaktion innerhalb von Sekunden sehen, wenn sie sich niederlassen und sagen: „Oh, das ist so viel bequemer, als ich erwartet hatte.”

So wie sich unser Leben verändert, ändern sich auch die Anforderungen an unser Zuhause. Was bietet dieser Sessel in Hinblick auf Vitsœs wohlbekannte Anpassungsfähigkeit?

Mark: Es ist auf den ersten Blick nicht offensichtlich, dass es sich um ein Baukastensystem handelt: Lego für Erwachsene. Es gibt kein 620-Dreisitzer-Sofa, es sind drei Sessel, die zusammengefügt werden, und die sich ganz leicht zu einem Zehnsitzer wandeln lassen, wenn Sie das möchten.

Lily: Der 620 wird in leicht handhabbaren Boxen geliefert. Sie könnten ein 620er Sofa mit vier Sitzen problemlos Stück für Stück in ein Apartment im vierten Stock in New York City tragen. Ganz ohne Spezialausrüstung anzumieten oder jemanden dafür zu bezahlen, die Fenster abzunehmen, um alles hineinzubekommen.

Mark: Ich hab in Amsterdam einmal einen gemieteten Außenaufzug vor einem dieser wirklich schmalen Häuser gesehen, wo ein Sofa in den fünften Stock gehievt wurde. Die Straße war teilweise abgesperrt, das Fenster entfernt worden – es war ein Riesenaufwand. Es fiel mir schwer, nicht zu schreien: „Sie hätten 620 kaufen sollen! Sie hätten einfach nur die Tür öffnen müssen statt die Straße abzuriegeln!“

620 chair base being assembled.

Das Sesselprogramm 620 wird mit einem einfachen manuellen Werkzeug zusammengebaut. Wie wichtig ist diese „Verbindung“ für unser Gefühl bezüglich der Möbel?

Mark: Menschen sehnen sich nach bodenständiger Einfachheit und dem Gefühl, sich mit einem Produkt einzulassen. Ich erinnere mich daran, wie vor Jahren ein bekannter Architekt mein Angebot ablehnte, seine Vitsœ-Möbel zu installieren. Er sagte: „Ich möchte mir das Vergnügen nicht nehmen lassen, alles selbst zu machen.” Immer mehr Produkte werden absichtlich so hergestellt, dass Kunden nicht mit ihnen interagieren können. Beim 620 hingegen können Sie die Arme abschrauben und Sessel zusammenfügen, um ein Sofa mit mehreren Sitzen zu bauen, wenn Sie möchten. Diese Möglichkeiten sind für einen Sessel sehr ungewöhnlich – beinahe einzigartig.


Sie sprechen davon, dass Vitsœ-Möbel eher eine Investition bedeuten als Kosten – wie verhält sich das mit dem Sesselprogramm 620?

Mark: Ich werde mich immer daran erinnern, wie Niels Vitsœ zu mir sagte: „Mark, du musst verstehen, dass das Problem von Dieter Rams’ Design ist, dass man nicht sieht, wo die Kosten anfallen.“ Und das gilt besonders für den 620. Aus diesem Grund zeigen wir unseren Kunden immer einen Querschnitt des Sessels, sodass sie genau sehen können, was bei der Herstellung anfällt.

Das ist der Wert von Vitsœ: Alle Kosten sind unsichtbar im Produkt versteckt, aber sie sind der Grund, warum Ihr Sessel in 40, 50 oder mehr Jahren noch immer bestens funktioniert und in gutem Zustand bleibt. Zu uns kommen jetzt Kunden, die nach 50 Jahren neue Polster bestellen und sich darüber freuen, dass sie sie nicht nur kaufen, sondern ihre Möbel selbst zuhause beziehen können.

Lily: Das beste Feedback, das ich in letzter Zeit gelesen habe, kommt von Kunden, die Ersatzteile für Sessel bestellen, die sie seit 40 Jahren haben. Ein besonders schöner Kommentar stammt von Kunden, die neue Füße für ihren Sessel gekauft haben. Sie waren so glücklich darüber, nach all den Jahren diese kleine Änderung vornehmen zu können, mit der sie nicht gerechnet hatten. Sie waren begeisterter als Kunden, die gerade einen brandneuen 620 gekauft haben!

Ein Sofa, das sich nicht verändern oder anpassen lässt, sollte sich eigentlich viel schwerer verkaufen. Woher weiß jemand, was er in 40 Jahren will? Mit dem 620 sind Veränderung und Anpassung möglich. Und man kann sicher sein, dass sämtliche Teile, die man benötigt, niemals obsolet werden. Deshalb ist es eine so gute Investition – es geht um langfristiges Denken.

Mark: Selbst nachdem sie jahrelang einen 620 auf Rollen besessen haben, wissen manche Kunden möglicherweise nicht, dass sie diese ganz leicht gegen eine Drehscheibe austauschen können. Sie können für rund 350 Euro eine Drehscheibe bei uns bestellen, den Sessel auf den Rücken drehen, vier Rollen abschrauben, mit vier neuen Schrauben die neue Basis befestigen, und plötzlich haben Sie einen Drehstuhl! Sie können diese Änderung fünf, zehn oder eben 40 Jahre nach dem Kauf vornehmen. Das ist der Grund, warum es so wertvoll ist.

620 Swivel.

Kaufen wir also mehr als nur einen Sessel?

Lily: Die Beziehung unserer Kunden zu Vitsœ vermittelt ihnen ein Gefühl von Kontrolle. Jede Komponente des 620 kann bei Bedarf ausgetauscht werden. Das liegt nicht zuletzt daran, dass das Design aus einer Zeit stammt, in der die Leute ermutigt wurden (oder es erwarteten), sich ihre Produkte stärker anzueignen – und damit die Möglichkeit, dass, wenn etwas kaputtgeht, sie es zerlegen, das defekte Element ersetzen und reparieren können. Heutzutage werden Produkte so entworfen, dass Sie aktiv daran gehindert werden, das zu tun. Aber die Montage für die Systeme 620 und 606 ist ehrlich, wir versuchen nichts zu verbergen.

Mark: Wo immer Sie auf der Welt leben, Sie kaufen direkt bei Vitsœ – es gibt keine Zwischenhändler. Daher ist unsere Marge geringer. Sie kaufen direkt beim Hersteller ein und damit bei Experten, die alles über ihre Produkte wissen.

Ich glaube, Alfred Wainwright hat gesagt, dass die Yorkshire Dales und der Lake District wie eine Beziehung zu einem wirklich guten Freund sind. Sie können sie viele Jahre lang nicht besuchen, aber sobald Sie sich wiedersehen, können Sie das Gespräch dort fortsetzen, wo Sie bei der letzten Begegnung aufgehört haben. Ich würde behaupten, dass so eine Beziehung auch mit Vitsœ möglich ist.

Leanne Cloudsdale ist Designjournalistin und Kommunikationsberaterin.